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Düsseldorf: Malerin Sabrina Haunsperg lässt Farben fliegen

Ateliergespräch : Diese Frau lässt die Farben fliegen

Als experimentierfreudige Malerin hat sich Sabrina Haunsperg über Düsseldorf hinaus einen Namen gemacht. Bei ihrer Arbeit nutzt sie große Leinwände und die Schwerkraft. Ein Ateliergespräch.

Wenn Sabrina Haunsperg malt, fliegen die Farben. Oder sie werden gegossen, während die Leinwand auf dem Boden liegt. Bilder entstehen in Aktionen, und die Farben setzen sich aus Pigmenten zusammen, die die Künstlerin selbst anmischt. Chemie und Physik finden dabei zueinander. Alte, wiederentdeckte Rezepturen verbinden sich mit Materialien des Industriezeitalters.

Am Ende haben sich Sabrina Haunspergs Energien auf der Leinwand niedergeschlagen. Entstanden ist dann eine jener ungegenständlichen, oft neonfarbenen Kompositionen, wie sie mit den überwältigenden Maßen 3,20 mal vier Meter zurzeit eine Wand im Atelier füllt: ein Bild, auf dem links in Rottönen starke Bewegung herrscht, während die Wallungen nach rechts oben in nuancenreichem Weiß-Grau verfliegen. So jedenfalls könnte man das deuten. Man lernt das Staunen von Neuem, fühlt sich eingefangen und zugleich befreit beim Betrachten des Schauspiels. Es könnte ein Wetterumschlag im Gebirge ebenso sein wie ein Umschwung im Gemüt. Ein starkes Bild, das man nachempfindend mit nach Hause trägt.

Die meisten Künstlerinnen und Künstler ernähren sich nach ihrer Ausbildung notgedrungen erst einmal von Gelegenheitsjobs. Bei der heute 39-jährigen Sabrina Haunsperg war das anders. Vor zwölf Jahren schloss sie ihr Studium an der Düsseldorfer Akademie als Meisterschülerin von Professor Herbert Brandl ab, erkundete als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes ein Jahr lang New York, war zuvor mit dem Brühler Max-Ernst-Stipendium ausgezeichnet worden und hatte bereits vor Abschluss des Studiums Gelegenheit, ihre Arbeiten im Deutschen Haus der New York University zu zeigen. Der Verkauf der heute in zwei Düsseldorfer Ateliers entstehenden Bilder läuft so, dass die Künstlerin von vornherein davon leben konnte.

Wenn Sabrina Haunsperg sich an die Arbeit macht, malt sie nicht aus ihrem Kopf ab. „Ich illustriere keine fertige Idee“, sagt sie, „ich denke in dieser Sprache, brauche nicht zu übersetzen, kann mich zu 100 Prozent auf den Prozess einlassen.“ Wenn sich Fragen stellten, seien sie zum Beispiel technischer Art. Dabei gibt es zuweilen Überraschungen: „Ich war erstaunt, dass man fliegende Farbe gut steuern kann.“ Ob werfen oder gießen - „ich arbeite mit dem kontrollierten Zufall“, sagt die Künstlerin, „aber ich muss das gut vorbereiten“, etwa durch die Auswahl der Farbzusammensetzungen.

Irgendwann ist das Material gesättigt, gedanklich aber kann ich die Bilder unendlich weiterdenken“, fügt sie an, „und das führt manchmal dazu, dass ich meine Bilder kaputt male.“ Wenn sie aber gelingen, wenn durch ein Bild „die ganze Erfahrungsbreite abgerufen wird“, dann begeistert das nicht nur die Betrachter, sondern „das ist ein Geschenk auch für mich“.

Sabrina Haunspergs Bildern wohnt etwas Musikalisches inne: Rhythmus, Klangfarben, Melodien. Wenn sie malt, lässt sie zwar keinen CD-Player laufen, doch Musik steht ihr nahe: Johann Sebastian Bachs Oratorien, Mozarts Requiem, Beethovens Sinfonien. Ihr Ehemann, ein Komponist, hat auch für ihre Stimme schon Töne gesetzt.

Eine andere Quelle, aus der sie ihre Bilder schöpft, sind Museen, ihr „zweites Zuhause“. Kunstwerken möglichst ungestört zu begegnen, das ist ihr ein Genuss, am liebsten El Greco, Goya, Manet, Velázquez, Cy Twombly, Sigmar Polke und Herbert Brandl, der Akademielehrer. „In den Louvre zu gehen nur für ein einziges Bild - so etwas ist meine Fortbildung.“

In den Alpen sei sie „komplett kunstfern aufgewachsen“, berichtet Sabrina Haunsperg. Erstmals als Teenagerin habe sie ein Museum betreten, in Graz. Nach Düsseldorf kam sie, weil sie ihrem damaligen Freund folgte, dem heutigen Ehemann. Sie findet die Stadt „sehr animierend“, die Infrastruktur „fantastisch“.

Und das bezieht sie nicht nur auf die Kulturinstitutionen: „Ich gehe zu ,dm‘ einkaufen, da treffe ich auf einmal Katharina Sieverding an der Kasse.“ So etwas gefällt ihr.

Seit einigen Jahren arbeitet Sabrina Haunsperg nicht mehr mit Galeristen zusammen. Im Wesentlichen vermarktet sie sich selbst. Generell sagt sie ein Galeriensterben voraus und glaubt, dass es neben der Zusammenarbeit mit Galerien künftig mehr Alternativen geben werde. Schon jetzt würden einige wenige Galeristen den größten Teil des Kunsthandels beherrschen.

Unter dem Titel „Früher war schon immer jetzt“ wird die Hamburger Kunsthalle vom 4. September an ihre Malereibestände seit 1947 neu präsentieren. Sabrina Haunsperg wird darin durch eine Leihgabe vertreten sein. In den benachbarten Deichtorhallen ist noch bis zum 9. August eine Ausstellung zu erleben, die schon an mehreren Orten Aufsehen erregte, in Bonn, Wiesbaden und Chemnitz: „Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“. Auch dort machte Sabrina Haunsperg mit ihrer ungegenständlichen Kunst eine denkbar gute Figur.