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Museum Kunstpalast: Düsseldorf feiert El Greco

Museum Kunstpalast : Düsseldorf feiert El Greco

Eine der europaweit bedeutendsten Kunstausstellungen dieses Jahres wird ab Samstag im Museum Kunstpalast zu sehen sein: "El Greco und die Moderne". Zu den kostbarsten Bildern zählen "Laokoon" und "Die Öffnung des fünften Siegels".

Wer war El Greco? Anders als in Falle Caravaggios, dessen hell-dunkle Bildwelten die Besucher des Museums Kunstpalast in Düsseldorf vor sechs Jahren überwältigten, ranken sich um den großen spanischen Maler El Greco (um 1541 bis 1614) kaum Geschichten, weder wahre noch erdachte. Er war mit einer Frau liiert und hatte mit ihr einen Sohn, der später im Atelier mitarbeitete — mehr Privates ist nicht bekannt. Nicht einmal ein Selbstporträt ist überliefert, und auch Zeitgenossen haben ihn allem Anschein nach nicht verewigt. Vielleicht hat er sich in eines seiner zahlreichen Figurenbilder eingebracht — doch wie sollte man ihn identifizieren?

Zumindest seine Lebensstationen sind bekannt: Geburt auf Kreta, deshalb "der Grieche" genannt, dort als Ikonenmaler tätig, Übersiedlung nach Venedig, wo er in der Werkstatt Tizians arbeitete, von dort nach Rom, Madrid und Toledo, wo er Aufträge vor allem für den spanischen Hofadel ausführte. Für die Klosterkirche malte er eines seiner letzten Bilder: die Anbetung der Hirten. Noch heute kann der Besucher dieses Gotteshauses durch eine Öffnung im Fußboden auf den Sarkophag blicken.

Wenn man an El Greco denkt, diesen Maler, dem nun fast 400 Jahre nach seinem Tod erstmals in Deutschland eine repräsentative Ausstellung gilt, wird man vielleicht zunächst auf Thomas Bernhard verfallen, der in seinem Roman "Alte Meister" einen seiner bewährten Grantler sagen lässt: "Ja, El Greco, schön, aber der gute Mann hat keine Hand malen können." Da hat Reger, der Grantler, aber nur aus seiner bornierten Sicht recht. Denn er übersieht, dass El Greco Hände gar nicht naturalistisch wiedergeben wollte. Die Hände, die er malte, gestaltete er grotesk wie viele andere Motive. So wurde er zu einem Vorläufer des Surrealismus.

In Düsseldorf wird man verfolgen können, wie sich El Greco vom Ikonenmaler zu einem Künstler wandelte, in dessen Werkstatt sich das traditionelle religiöse Motivrepertoire verselbständigte, ähnlich wie bei Tintoretto, dessen Kompositionen er studiert hatte. Wie dem großen Tintoretto dienten auch El Greco biblische Geschichten bald nur noch als Vorwand, um weltliche Motive auf seine Holztafeln zu bringen: Nacktheit, dazu die Spanne menschlicher Empfindungen — und Illustrationen religiöser Texte, die nicht zum Kanon der Bibel zählen: der Apokryphen.

Als einziges Werk aus der Zeit, da El Greco noch brav Ikonen malte, wird in Düsseldorf seine Darstellung "Der heilige Lukas malt eine Ikone der Jungfrau mit dem Kind" zu sehen sein. Danach wird sich bereits entfalten, was zum Markenzeichen dieses Künstlers wurde: die flackernde Kontur und eine leidenschaftliche Erregung in den Gesichtern und Gebärden. In der "Taufe Christi", einem der letzten Werke, steigert sich das Ereignis zu einer visionären Schau, aufgelöst in Bewegung und Ekstase. Aus dunkler Tiefe leuchten satte Farben, mit unruhiger Pinselschrift aufgetragen. In diesem Manierismus drückte sich zugleich die mystische Religiosität des spanischen Volkes aus.

El Greco hat auch die Entkleidung Jesu vor der Kreuzigung gemalt; eine Szene, nach der man in der Bibel vergeblich sucht, ebenso wie nach Jesu "Abschied von der Jungfrau Maria". Dieses Gemälde aus einer europäischen Privatsammlung wird in Düsseldorf erstmals öffentlich zu bewundern sein.

"Laokoon" und "Die Öffnung des fünften Siegels" werden die Höhepunkte der Ausstellung markieren. "Laokoon", eine Leihgabe der National Gallery in Washington, zeigt gemäß der "Aeneis" des Vergil den Angriff zweier Schlangen auf den trojanischen Priester Laokoon und dessen Söhne. Über den Gestürzten bietet sich in flackernd grellem Licht ein Blick auf Toledo. El Greco — auch das ist typisch für ihn — lässt den Priester nicht etwa in Anlehnung an die berühmte antike Laokoongruppe heroisch kämpfen, sondern der Priester ist bereits gefallen, noch bevor die Schlangen zubeißen. Leid als unabdingbarer Bestandteil des Menschseins ist das zentrale Motiv vieler Bilder El Grecos. Noch dramatischer als "Laokoon" wirkt "Die Öffnung des fünften Siegels" aus dem New Yorker Metropolitan Museum. Das Bild bezieht sich mit seinen zitternden Figuren auf den Text der Offenbarung des Johannes, die Darstellung der Apokalypse.

Die Düsseldorfer Schau wird 47 Werke von El Greco und 100 der klassischen Moderne umfassen. Was beide Gruppen verbindet, geht schon aus dem Arrangement der Bilder hervor. Eine "Beweinung Christi" des rheinischen Expressionisten Heinrich Nauen (1880—1940) wird in Sichtweite von El Grecos "Pietà" hängen; auf beiden Gemälden bilden je drei Kreuze den Hintergrund. Ob solchen Parallelen ein unmittelbarer Einfluss zugrunde liegt, ist fraglich. Wenn man jedoch Picassos "Sich aufstützende Frau (Madonna)" gegenüber El Grecos "Mater Dolorosa" erblickt, glaubt man das stilistische Band zu spüren, das sich durch die Jahrhunderte zieht. Vor allem die Rheinischen Expressionisten und der Blaue Reiter haben in ihrer Suche nach einer modernen Religiosität El Greco als Wegweiser entdeckt.

In der Ausstellung wird man schon von fern zwischen El Greco und der Moderne unterscheiden können: El Grecos Bilder hängen auf dunkelgrauen Stellwänden im Inneren der beiden belegten Säle, diejenigen der Moderne finden sich auf hellgrauem Grund an den Seitenwänden. Wer den Rundgang durch die Ausstellung vollendet hat, wird El Greco mit seinen übersteigerten Figuren des Spätwerks als frühen, bildgewaltigen Visionär der Neuzeit begriffen haben — und ganz nebenbei bemerken, dass sein späterer Landsmann Salvador Dalí nicht ganz so originell war, wie man gemeinhin glaubt.

(RP/anch/das)