Düsseldorf: Düsseldorf ehrt Autor Thomas Hettche

Düsseldorf: Düsseldorf ehrt Autor Thomas Hettche

Die Kulturstiftung der Stadtsparkasse Düsseldorf hat ihren Literaturpreis dem Berliner Autor für dessen Essayband "Totenberg" zuerkannt. Laudatorin Verena Auffermann wies auf die "uneindeutigen Positionen" hin, die Hettche reizen.

Zum zwölften Mal hat die Stadtsparkasse ihren Düsseldorfer Literaturpreis verliehen, zum zwölften Mal war Verena Auffermann in der Jury, aber von müder Routine ist bei ihr nichts zu merken. Die Literaturkritikerin sprüht vielmehr geradezu, wenn sie vom diesjährigen Preisträger spricht, von Thomas Hettche und seinem Buch "Totenberg". Auffermann hielt dann auch die Laudatio.

Statt bisher fünf waren es diesmal sieben Jurymitglieder, die sich auf einen Preisträger einigen mussten. Jedes Mitglied schlug drei Neuerscheinungen aus dem Jahr 2012 vor, und bei einem ganztägigen Treffen wurde über diese Titel diskutiert. "Wir waren uns natürlich nicht von Anfang an einig", sagt Auffermann, "aber am Ende war die Entscheidung sehr klar."

Und das bei einem Buch, das eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte hat: "Es verkauft sich zwar überraschend gut, es wurde aber kaum von Kritikern besprochen", berichtet Hettche. Es sind zehn Texte, die der 48-jährige Autor unter dem Titel "Totenberg" zusammengefügt hat. Einen Essayband nennt der Verlag das Buch. Das trifft es aber nicht ganz, meint Hettche, weil die Texte eine ganz eigene Form haben. "Begegnungen" nennt er sie selbst oder "Reisen". Es sind Begegnungen mit Menschen, die ihm viel bedeuten, aus ganz unterschiedlichen Gründen: der Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg zum Beispiel oder Ernst Jünger, den er gar nicht selbst getroffen hat, "aber seine letzte Assistentin, mit der sich durch Zufall ein sehr interessantes Gespräch entwickelt hat".

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"Hettche erforscht mit Syberberg und Jünger zwei der umstrittensten Personen des 20. Jahrhunderts. Warum macht er das?", fragte Verena Auffermann in ihrer Laudatio. Ihre Antwort lautet: "Die uneindeutigen Positionen reizen ihn, er prüft sie, er will wissen, wie es dazu kam, weshalb in Jüngers weißer Hemdmanschette immer eine Stecknadel verborgen war. Und erfährt es: weil er sich mit der Nadelspitze selbst einen Schmerz zufügte, um mit dem physischen den psychischen zu beruhigen."

Ein anderer Text ist Hettches Deutschlehrerin gewidmet, die ihm, dem Jungen aus einem bildungsfernen Elternhaus, Bücher und das Lesen nahebrachte. "Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klinge hohl, müsse es nicht unbedingt am Buch liegen, zitierte sie im Unterricht gern Lichtenberg", heißt es in dem Text. "Für mich ist dieser Satz maßgebend geblieben, gerade heute, da man Bücher immer mehr wie Dienstleistungen missversteht, die ihren Inhalt widerstandslos preiszugeben haben."

Schon diese kurze Passage zeigt, dass Hettche nicht nur andere Personen porträtiert, sondern dass seine Texte in verschlungener, dabei aber nicht ichbezogener Weise autobiografisch sind, weil sie etwas über den Autor sagen und doch auch über ihn hinausweisen. Wobei das Besondere dieser Texte längst nicht allein ihre Inhalte sind, sondern der Tonfall, die Art, in der der Autor schreibt. Seit 1989 publiziert Hettche ganz unterschiedliche Bücher. Der Hesse, der heute in Berlin und in der Schweiz lebt, begann mit einem Roman über einen Sterbenden, schrieb einen weiteren über die Nacht, in der die Mauer fiel, einen Krimi über einen wahren Fall und zuletzt einen Roman, der sich um das Thema Sorgerecht dreht. Er ist ein eigensinniger, immer wieder überraschender Autor. Und mit "Totenberg" ein würdiger Preisträger.

(RP/EW)
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