Ausstellung „Diener zweier Herren“ Das geheimnisvolle Haus

Im Kunsttunnel am Rheinufer gastiert der Luxemburger Yann Annicchiarico mit seiner Schule des Sehens. „Diener zweier Herren“ läuft bis November. Jede Begegnung mit seiner Kunst ist äußerst subjektiv.

 Yann Annicchiarico in seiner Installation im KIT.

Yann Annicchiarico in seiner Installation im KIT.

Foto: KIT / Ivo Faber

XXXXL mindestens, also total überdimensioniert, ist diese 3-D-Brille, die als erstes den Blick des Besuchers fängt. Ein blaues Glas, das andere rot, dahinter wurden grüne Pflanzen platziert, unter einem Tageslichtloch am Leben erhalten. Die hölzerne Brille ist eine statische Skulptur im perspektivischen Verlauf der Eingangshalle, im Fokus der Gläser spielen sich natürliche Prozesse ab. Die Augen nehmen dies alles auf, das Gehirn verarbeitet die Eindrücke, und im Kopf entsteht ein Bild von Wirklichkeit. Immer total subjektiv.

Und es entstehen sogleich auch Fragen an den luxemburgischen Künstler Yann Annicchiarico. Was treibt er für ein Spiel mit seinen architektonischen Setzungen? Oder mit seinen auf einer Autofahrt aufgenommenen Videos, mit den Lichtblicken von draußen und den geschwärzten Glasscheiben, auf denen Motten des Nachts getanzt und ihre rußigen Spuren hinterlassen haben? Was will Annicchiarico untersuchen, vorführen, mitteilen in seinem geheimnisvoll getönten Kosmos?

Entdeckt haben den Installationskünstler, der Bildhauer und Videofilmer ist, die KIT-Chefin Gertrud Peters und ihre Mitarbeiterin Celine Offermans auf dem Kölner Kunstmarkt. Dort war der 1983 geborene Künstler mit italienisch-griechischen Wurzeln in einer Förderkoje „New Position“ der Art cologne ausgestellt. Schnell war entschieden, ihn in den Kunsttunnel einzuladen, Offermans würde die Schau kuratieren. Mit der Programmatik „Diener zweier Herren“, die der berühmten Goldoni-Komödie folgt, kam der Künstler an den Rhein und lässt vom Bühnenstück allenfalls die Zweigeteiltheit als Konzept nachempfinden, vielleicht noch die Gleichzeitigkeit von Vorgängen.

In Wahrheit braucht man diese Überschrift aber gar nicht, denn das Fantasiepotential der gebauten und gefilmten Dinge, vor allem das schwarze, raumfüllend riesige Gestell, versetzt den Besucher in eine Art Taumel, der sensibilisiert und im Idealfall Assoziationen am laufenden Band auszulösen vermag.

Je weniger man sieht, desto mehr erkennt man manchmal. Diese Erfahrung macht der Besucher, der sich durch und um das schwarze geheimnisvolle Haus bewegt, das eigentlich nur ein Gestell ist. Man nennt es eben spontan Haus. weil es Rahmen von Fenstern und Türen hat. Und angedeutete Treppenstufen. An manchen Wänden hängen mehr oder weniger auseinandergezogene Zick-Zack-Garderoben. Aus Holz, und auch tiefschwarz.

Ein unverbindlicher Ort ist dieses schwarze Gestell außerdem, der in ein paar 1000 Jahren später vom Leben heute berichten könnte. Vom – wie wir finden – zivilisierten Leben in geordneten Räumen, über mehreren Etagen, mit Nischen und Verstecken, mitunter labyrinthisch angeordnet. Wahr ist auch: Es ist vielleicht nicht nur ein Haus in dem Gestell, es könnte eine ganze Siedlung sein, ein Dorf – oder ein Modell für eine Lebensform, die später einmal auf das 20. Und 21. Jahrhundert datiert werden kann.

Annicchiarico hat sein architektonisches Musterstück tief geschwärzt, alles ist so matt und lichtlos, dass wieder spontan Assoziationen einsetzen. Der Besucher füllt die Skulptur mit den Bildern und Erfahrungen aus seiner Erinnerung. Die Arbeit des Luxemburgers liefert dazu unendliche Projektionsflächen.

Wenn dies alles furchtbar theoretisch klingt und man sich viel lieber überwältigen lässt von dem, was man sieht, dann geht das auch. Vielleicht entsteht der Wunsch, im Gestell herumzuklettern wie ein Kind, was man nicht darf. Oder hin- und herzulaufen… das geht. Durchblicke genießen. Geht auch.

Im KIT geschehen immer wieder außergewöhnliche Dinge, die Ausstellungen im Tunnel sind manchmal Ereignisse, oder Aufreger. So ist der Ort zur Pilgerstätte junger Kunstfreunde geworden, ältere Besucher sind dabei nicht ausgeschlossen. Jetzt gerade wird das Außergewöhnliche noch einmal getoppt, denn im Bauch des Tunnels wurden künstlerische Räume platziert, die die Orientierung umpolen können. Das Sehen und die Wahrnehmung werden außerordentlich aktiviert durch die Arbeiten mit Scheiben, die ins Tageslicht hinausführen. Echte Motten haben darauf „gemalt“ – wir sehen Hinterlassenschaften von Flügelschlägen und Taktungen durch außen liegende Skelette.

Motten sind die Lieblingstiere des Künstlers, willkommene Boten der Nacht und der Verlangsamung. Ganz hinten im Tunnel begegnen wir ihnen wieder, angekündigt durch das leise Knattern eines 16mm-Projektors. Statt Zelluloidstreifen gibt es ein Video zu sehen. Darin schwirren kleine, schwarze Punkte über einem hellen Kissenbezug. Die Welt der Nachtfalter fängt da an, wo die des Künstlers endet. Daher beschäftigt sie ihn als Zensor und als Sinnbild der Verlangsamung. Die Motte tanzt, der Mensch fällt in den Tiefschlaf und schaltet schließlich seine Wahrnehmung aus.

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