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Düsseldorf: Die Wanderausstellung "Geschichte der Dinge" ist im Stadtmuseum zu sehen

Ausstellung im Stadtmuseum Düsseldorf : Kleine Objekte, große Tragödien

Die Wanderausstellung „Geschichte der Dinge“ widmet sich der Frage nach der oft problematischen Herkunft von Alltagsgegenständen und Kunstwerken in NRW-Museen – anschaulich und ohne erhobenen Zeigefinger.

Auf den ersten Blick liegt in der Vitrine nur eine unscheinbare schwarze Schmuckkassette aus Stahlblech. Aber eine, „die es buchstäblich in sich hat“, sagt Sigrid Kleinbongartz, stellvertretende Leiterin des Stadtmuseums. Sie ist stolz auf das Düsseldorfer Objekt einer sehenswerten Ausstellung, die nach der „Geschichte der Dinge“ fragt und seit August 2020 in sieben Museen in NRW zu sehen war – Düsseldorf ist die letzte Station. Die schwarz-lackierte Schmuckkassette ist eine von rund 50 Leihgaben, von deren „Geschichte“ Besucher erfahren. Dabei geht es nicht nur um Alter, Material, Machart, Schöpfer oder den kunsthistorischen Wert der Gegenstände, sondern vor allem um die Frage, wie die Stücke in die Sammlungen der NRW-Museen gelangt sind – und ob sie da tatsächlich hingehören. Es geht um Rechtmäßigkeit, um Moral und berührende Geschichten.

 Dieser Gedenkkopf eines Oba, eines Oberhauptes aus dem Königreich Benin, wurde vermutlich erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts hergestellt und kann deshalb nicht aus einer "Strafexpedition" der britischen Armee im Jahr 1897 stammen.
Dieser Gedenkkopf eines Oba, eines Oberhauptes aus dem Königreich Benin, wurde vermutlich erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts hergestellt und kann deshalb nicht aus einer "Strafexpedition" der britischen Armee im Jahr 1897 stammen. Foto: LWL/ Kainulainen

„Das verbindende Element der zehn eigenständigen Kapitel der Ausstellung ist die Provenienzforschung, die immer größere Bedeutung erlangt und der Frage nachgeht, wo die Objekte in unseren Museen herkommen“, sagt Ute Christina Koch vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Sie hat die Ausstellung seit 2017 gemeinsam mit Verena Burhenne im LWL-Museumsamt geplant und organisiert. Klar ist: Oft gibt es „Entzugs- und Unrechtskontexte“ bei den Ausstellungsgegenständen. Heißt: Sie wurden einst konfisziert, geraubt oder geplündert, ihre Besitzer enteignet, übervorteilt, betrogen oder sogar ermordet. Oft landeten die Objekte später in Museen oder privaten Sammlungen. Es überrascht daher nicht, dass die Ausstellung unter anderem Enteignungen der NS-Zeit oder aus der DDR, Strafexpeditionen und Raub in der Kolonialzeit, Plünderungen in Kriegen, aber auch den Kunsthandel und seine Akteure zum Thema macht.

 Auch Freimaurer gehörten zu den während der NS-Zeit verfolgten Gruppen. Ob dieses Logenabzeichen der Johannisloge "Victoria zur Morgenröthe" in Hagen NS-verfolgunsgbedingt entzogen wurde, konnte noch nicht geklärt werden.
Auch Freimaurer gehörten zu den während der NS-Zeit verfolgten Gruppen. Ob dieses Logenabzeichen der Johannisloge "Victoria zur Morgenröthe" in Hagen NS-verfolgunsgbedingt entzogen wurde, konnte noch nicht geklärt werden. Foto: LWL/Kainulainen
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Die Gemengelage ist Grund genug, genauer hinzuschauen, so wie das Stadtmuseum jetzt bei seiner Münzsammlung. Denn in der Kassette aus Düsseldorf, die bei einer Depotverlagerung geborgen wurde, befanden sich Münzen, Medaillen und Plaketten, die nicht inventarisiert waren. Die Kassette selber trägt eine Nummer, die in roter Farbe auf einem aufgeklebten Etikett steht und die zu einem Eintrag aus dem Jahr 1939 gehört: „Silbermünzen aus jüdischem Besitz, den Sammlungen durch Vermittlung des Stadtkämmerers vom Leihamt angeboten.“

 Angestoßen durch eine Leihanfrage zur Ausstellung wurden die rechtmäßigen Eigentümer dieses rituellen jüdischen Sedertellers aus dem Jahr 1766 gefunden.
Angestoßen durch eine Leihanfrage zur Ausstellung wurden die rechtmäßigen Eigentümer dieses rituellen jüdischen Sedertellers aus dem Jahr 1766 gefunden. Foto: LWL/Kainulainen

Kleinbongartz vermutet, dass die Münzen aus einer Pfandleihanstalt stammen. „Im Jahr 1938 zwang eine Verordnung die jüdischen Bürgerinnen und Bürger, Edelmetalle abzugeben – für einen Bruchteil ihres realen Wertes.“ Unklar bleibt, wem die Münzen gehörten. Anders verhält es sich bei den kleinen Büsten aus Biskuit-Porzellan in der Nachbarvitrine aus dem Hagener Stadtmuseum. Sie stammen aus einer Sammlung der jüdischen Kauffrau Clara Marx, die von den Ankauferlösen keinen Pfennig sah – und 1944 in Theresienstadt ermordet wurde. „Es geht in der Ausstellung nicht um monetäre Werte und große Namen. Es ist keine Kunstausstellung. Es geht um die Geschichte jedes einzelnen Objekts. Manchmal steckt hinter kleinen Gegenständen eine große Tragödie“, sagt Kuratorin Koch.               

Sorge, dass sich unsere Museen schlagartig leeren, wenn die Provenienzforscher ihrer oft langwierigen Detektiv-Arbeit nachgehen, haben die Expertinnen nicht. „Es steckt ja nicht hinter jedem Objekt ein Unrechtskontext“, sagt Koch. Oft sei eine Einigung mit der Familie möglich. Die meisten Stücke sind im Museum besser aufgehoben als im Wohnzimmer der Erben. „In Ausstellungen lassen sich durch die Präsentation die Kontexte und das Andenken bewahren – und die Geschichte der Dinge für ein breites Publikum aufbereiten“, sagt die Kuratorin. Sie ist sicher: Durch die Provenienzforschung werden unsere Museen reicher, nicht an Gegenständen, aber an Geschichten.