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Düsseldorf: Bilker Straße ist offiziell die der Romantik und Revolution

Bilker Straße : Auf dem Pfad der Romantik und Revolution

Die Bilker Straße steht mit dem Heinrich-Heine-Institut, dem Palais Wittgenstein und dem Schumann-Haus für das bewegte 19. Jahrhundert. Sie bietet aber auch Französisch-Freunden und Marionetten-Fans etwas. Ein Rundgang.

Musketenschüsse hallen durch die Straßen, Barrikaden brennen, zerrissene Fahnen flattern im Wind – an solche Dinge denkt man sicher nicht beim Gang durch die Bilker Straße. Gepflegte Altbau-Fassaden, an denen Plaketten die Büros von Rechtsanwälten, Notaren, Architekten und Marketingfirmen ausweisen. Kosmetikstudios, Antiquare und Chiropraktiker haben ihren Sitz an dieser schicken, gepflasterten Straße, in hübschen Häusern, in deren Obergeschossen teure Wohnungen liegen. Und doch ist dort noch etwas anderes anwesend, etwas Geheimnisvolles und schwer zu Fassendes – zumindest behauptet das ein Schild, das seit Kurzem am offiziellen Straßenschild hängt und die Bilker zur „Straße der Romantik und Revolution“ macht. Wo findet man diese Dinge, mitten in der wohlsituierten und bürgerlichen Carlstadt?

Geht man die Straße vom Schwanenmarkt in Richtung Carlsplatz, passiert das Bistro „Destille“, vor der eine Gruppe junger Menschen gerade Kaffee trinkt, überquert die Bastionsstraße, die links den Blick auf den mauernumwehrten Garten des Stadtmuseums freigibt, dann gelangt man an ein besonderes Haus. 1852, fast zwei Jahre nachdem er Düsseldorfer Musikdirektor geworden war und die „Rheinische“ komponiert hatte, zog Robert Schumann mit seiner Frau Clara an die Bilker Straße, in die heutige Hausnummer 15. Bis 1855 lebte das Paar dort, und für Robert war es eine schicksalsschwere Zeit, geprägt von beruflichen Schwierigkeiten und zunehmender geistiger und körperlicher Krankheit. Das denkmalgeschützte Haus mit der weißen, schlichten Fassade und dem Torbogen verrät von dieser düsteren Zeit nichts, es ist unscheinbar. Interessant ist, was im Inneren passiert: Derzeit wird ein Museum eingerichtet, das 2021 eröffnen und einen Meilenstein der „Straße der Romantik“ darstellen soll.

Verlässt der Besucher das Schumannhaus, blickt er auf ein Gebäude, an dessen Front ein auf mehrere Banner aufgeteiltes Gedicht zu lesen ist. Es beginnt mit den berühmten Worten „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“. Heinrich Heine schrieb „Die Lore-Ley“ 1824, eine Zeit, in der Schumann noch genausoviel Lyrik wie Musikkompositionen verfasste. Das Haus an der Bilker Straße 12 ist zwar keine ehemalige Residenz Heines, mit dem Heinrich-Heine-Institut aber eine wichtige Adresse für Liebhaber der Romantik. In der Dauerausstellung „Romantik und Revolution“ befindet sich eine Ikone jener Zeit: die Handschrift der „Lore-Ley“.

Das deutschlandweit einzige Museum für den in Düsseldorf geborenen Literaten ist der Kern dieser „Straße der Romantik“ und macht deutlich, wie sich Geschichte örtlich verdichten kann: An der Schulstraße, nur wenige Schritte entfernt, steht das Maxhaus, in dem Heine zur Schule gegangen ist.

Lernen können die Besucher an der Bilker Straße auch heute noch, und zwar nicht nur Geschichte: Im Jahr 1871 endete der deutsch-französische Krieg, und wie ein Symbol für die heute längst beigelegte Feindschaft der beiden Nationen befindet sich in der Bilker Straße 7 das Institut Francais. Seit 1950 gibt es dort Kurse in französischer Sprache und ein Kulturprogramm mit Lesungen. Das Haus selbst ist ein Höhepunkt des Spaziergangs durch die Straße: Das Palais Wittgenstein ist im Jahr 1790 gebaut worden, als die Carlstadt noch kaum vorhanden war. Errichtet vom Weinhändler Heinrich Huyssen, ging es in eine Senatorenfamilie über, bis Prinz Alexander zu Sayn-Wittgenstein es 1874 kaufte und ihm seinen bekannten Namen verschaffte. Im Zweiten Weltkrieg fast zerstört, wurde das Gebäude erst ab 1974 rekonstruiert und 1976 mit seinem Kammermusiksaal und der Caféteria neu eröffnet.

Neben Geschichte, Musik und Literatur hat die Bilker Straße noch einen weiteren Aspekt, der einzigartig für die Düsseldorfer Kultur ist. Im Palais Wittgenstein befindet sich seit 1966 das bereits zehn Jahre zuvor gegründete Marionetten-Theater. Das europaweit bekannte Haus hat 21 Stücke im Repertoire, das neueste, „Ronja Räubertochter“, kam aufgrund der temporären Schließung wegen der Corona-Pandemie noch nicht zur Aufführung.

Romantische Lyrik, revolutionäre Musik und ausgefallene Kulturangebote – so arriviert die Bilker Straße dem Auge auch erscheinen mag, in ihr schlummert doch noch immer ein wenig des Aufbruch-Gefühls einer gar nicht so fernen Zeit.