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Düsseldorf: Betrachtung von Karl Bobeks "Mutter"

Kunst im öffentlichen Raum : Eine einsame Frau, wie stehengelassen

Ein Spaziergang gerade in einer Stadt, die nicht die eigene ist, ist interessant. Denn wer nur gelegentlich durch die Straßen läuft, nimmt sie genauer wahr. Wie jene eiserne Figur, die so einsam ist, dass man ihr gerne Gesellschaft leisten möchte.

Vielleicht darf man das über Kunst nicht sagen. Doch wirkt die eiserne Figur zunächst so unscheinbar. Für Ortskundige dürfte sie längst mit dem Bild der Straße verschwommen sein und kaum auffallen. Dem Gelegenheitsbesucher aber schon. Wie die Skulptur der Frau gearbeitet ist, welcher Stil nachempfunden werden sollte – all das erschließt sich dem flüchtigen Betrachter nicht. Doch sie ist sehr anrührend in ihrer Einsamkeit.

Aus der Ferne ist die „Mutter“ – eine Skulptur des mittlerweile verstorbenen Bildhauers Karl Bobek – leicht zu übersehen. Von Nahem ist sie tragisch. Sie befindet sich mit der Betrachterin auf Augenhöhe. Das ist fast unheimlich, aber es macht sie zugleich nahbar. Ganz anders eben als die überlebenshohen Statuen von historisch bedeutsamen Personen, die man überall in den Städten und Großstädten findet. Die „Mutter“ dagegen steht verlassen in der Mühlengasse, vielmehr am Rande der Straße, wie stehengelassen. Sie ist sehr menschlich. Und wie bei allen Menschen macht auch sie ihre Geschichte interessant – oder besser: noch interessanter.

Einst gehörte die „Mutter“ zu einem Familien-Ensemble. Sie war eine von drei Figuren der „Menschen im Straßenraum“ des Künstlers Bobek, die am 2. Dezember 1988 in der Mühlengasse in der Düsseldorfer Altstadt aufgestellt wurden. Doch „Vater“ und „Kind“ fehlen, schon lange. Sie wurden nach Verkehrsunfällen entfernt. Ersteren hat 2004 ein Krankenwagen umgefahren, ein Jahr später wurde das „Kind“ von einem LKW stark beschädigt. Blicke, die den Boden absuchen, können die früheren Standorte der anderen Skulpturen nicht ausmachen.

Doch nicht nur dieser Schicksalsschlag ereilte die „Eiserne Familie“, so wurde sie im Volksmund jedenfalls genannt. Bobek selbst gab seinem Werk keinen Namen. Denn eigentlich standen die Skulpturen in der Mitte der Mühlengasse, nur wenige Schritte von der Akademie der Künste entfernt, deren Präsident Karl Bobek einst war. Es habe so ausgesehen, als schritten sie geradewegs auf den Haupteingang zu, schreibt Markus Knappe in „Der Bildhauer Karl Bobek – Leben und Werk“. Dann kam die bauliche Veränderung der Mühlengasse, im Zuge derer eine der Häuserfronten nach vorn versetzt wurde. Die Gasse wurde enger und die Figuren rückten an die Seite. Der Blick der „Mutter“ auf die Akademie ist verstellt. Aber sie wird ihr Ziel letztendlich sowieso nicht erreichen.

Sie ist jetzt das Überbleibsel einer tragischen Familiengeschichte. Es steht nur noch sie dort, mit verschränkten Armen, die Knie leicht angewinkelt, als würde sie warten.