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Düsseldorf: Ausstellung zu August Friedrich Siegert im Stadtmuseum

Ausstellung im Stadtmuseum : Eine Wiederentdeckung der Düsseldorfer Malerschule

Dem heute nahezu unbekannten Künstler August Friedrich Siegert (1820–1883) ist eine über das Stadtmuseum verteilte Ausstellung gewidmet. Hoher Realismus, feine Beobachtungen und Sozialkritik zeichnen die Werke aus.

Eine Mischung aus Bewunderung, Amüsement und ein wenig Mitleid – das beschreibt gut, was der Betrachter empfinden mag, wenn er durch die Ausstellung mit Werken August Friedrich Siegerts wandert. Bewunderung, weil die klassischen Genrebilder so wunderschön und detailverliebt sind, dass sie fast an Kitsch grenzen. Amüsement, weil Siegert ein Talent für originelle Späße hatte, die die Werke auch unterhaltsam machen. Und Mitleid – sagen wir mal: Das alles wusste schon damals nicht jeder zu schätzen.

Der 1820 geborene Vertreter der Düsseldorfer Malerschule begann mit Landschaftsbildern und wandte sich bis zu seinem Tod im Jahr 1883 immer stärker der Genremalerei zu. Neugierige Kinder in Alltagssituationen, Wirtshausszenen und Allegorien für das Erwachen der Liebe finden sich immer wieder in den Bildern. Eine der großen Besonderheiten Siegerts: Er schafft es, seinen Szenen und Figuren eine Natürlichkeit zu geben, die den Betrachter in das Werk, dessen Welt, hineinzieht. Dass das Dargestellte aus heutiger Sicht wenig einfallsreich erscheint, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Siegerts Motive im 19. Jahrhundert durchaus fortschrittliche Ideen enthielten.

Das zeigt sich beispielsweise in der Weise, in der Kinder gemalt sind. Sie sollen keine halben, unfertigen Erwachsenen mehr darstellen, sondern eigenständige Personen mit einem eigenen Charakter. Eines der beliebtesten Siegert-Bilder, auch auf dem Deckel das Ausstellungskatalogs zu sehen, ist „Der kleine Kunstfreund“. Ein vielleicht dreijähriger Junge beugt sich herunter, die Arme auf die Oberschenkel gestützt, und schaut sich ein Schlachtengemälde an, dass ihn um einen Kopf überragt. Das Ganze fasziniert den Kleinen so sehr, dass er sogar die Leine seines Holzpferdchens hat fallen lassen. Im Hintergrund des echten Gemäldes sitzt ein Maler bei der Arbeit – der Vater?

Diese liebevollen Szenen markieren einen Wendepunkt in der Arbeit Siegerts, der 1854 Vater wurde. Zunehmend tauchen niedliche Kinderfiguren in den Bildern auf, sie sitzen in der Schule, lassen sich von ihrer Mutter vorlesen und sind – dann doch mal ganz wie Erwachsene – vertieft in dicke Bücher. „Kinder im Atelier“ ist ein handwerkliches Meisterwerk: Drei Kinder nähern sich vorsichtig einer in einem Maleratelier stehenden Ritterrüstung. Neben den wunderbar getroffenen Gesichtern, die realistisch die kindliche Ängstlichkeit und das unverhohlene Interesse am metallischen Riesen wiedergeben, ist aus heutiger Sicht auffällig, mit welcher Selbstverständlichkeit Siegert seinen schon vom „Kunstfreund“ bekannten Sohn Adolph in einem Kleid darstellt – eine seinerzeit gern genutzte Verwechslung der Geschlechter.

Viele Werke des seit 1851 in Düsseldorf lebenden Malers bewegen sich motivisch auch in der Zeit des Barock und der niederländischen Meister. Die Hingabe an den Alkohol, Soldaten des 30-jährigen Krieges und Personen, die Hausarbeiten oder Freizeit in der Familie nachgehen, tauchen immer wieder auf. Sehr ausdrucksstark, emotional und voller Symbole sind die Bilder „Gute Bewirtung“ und „Schlechte Bezahlung“. In der Ausstellung im Stadtmuseum erleben Besucher das Gemäldepaar nebeneinander, denn es erzählt eine deftige Geschichte: Schamlos lassen sich zwei Soldaten vorzüglich von einer Familie bewirten, die tüchtigen Eltern und die hübsche Tochter tischen Braten, Bier und Brot auf. Doch die drei werden übers Ohr gehauen: Die beiden Zecher stehen auf, einer streckt die leeren Hände von sich, und den entsetzten Eltern wird klar, dass von den Taugenichtsen kein Geld zu erwarten ist. Nicht so enttäuscht, wie sie vielleicht sein sollte, schaut die Tochter rechts im Bild. Hat sie Gefallen am jüngeren der Soldaten gefunden?

Was im Wirtshaus noch als derber Witz dargestellt ist – der Gegensatz zwischen Arm und Reich, Recht und Unrecht –, nimmt in anderen Bildern konkrete, gesellschaftskritische Form an. Siegert malt voller Mitgefühl das Leben der Armen, der Alten, die vor karg gedecktem Tisch sitzen und beten. „Eine arme Familie wird in einem reichen Hause gespeist“ zeigt, wie schon der Titel verrät, arme Leute im reichen Hause: Fremdkörper, bedrückte Gestalten unter dem interessierten Blick der gutsituierten Kinder des Hauses.

Aus den Selbstporträts Siegerts, die Teil der aktuellen Ausstellung sind, blickt den Betrachter ein Mensch an, der sich ernsthaft mit der sozialen Frage auseinandergesetzt hat. „Hübsch“, „pittoresk“, aber auch „zu genrehaft“ sind historisch belegte Bezeichnungen, die Zeitgenossen und Künstlerkollegen für seine Arbeiten nutzen. Und die Bilder sind auch hübsch, im besten Sinn. Eines sind sie jedoch nicht: naiv.