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Düsseldorf: Auftakt der Gesprächsreihe "Future of Family" mit Mithu Sanyal

Mithu Sanyal im Gespräch mit Sasha Salzmann : „Erschreckende Unwissenheit über die Ukraine“

Mithu Sanyal talkt in der neuen Reihe „The Future of …“ über aktuelle Themen und Zukunftsperspektiven. Ihr erster Gast: die Autorin Sasha Marianna Salzmann, die für ihr neues Buch ausgerechnet ukrainische Frauen aus der Sowjetzeit befragt hat.

Die neue Gesprächsreihe. „The Future of …“ mit Mithu Sanyal im Schauspielhaus soll einmal im Monat aktuelle gesellschaftliche Themen mit Gästen aus Kultur, Politik und Wissenschaft beleuchten. Zum Auftakt hatte Mithu Sanyal, die diese Reihe kuratiert, die Theaterautorin und Essayistin Sasha Marianna Salzmann auf die Bühne des Kleinen Hauses eingeladen.

Schnell war klar: Die ursprünglich geplante Unterhaltung über das Konstrukt Familie und das Familienleben mit Blick auf die Auswirkungen der Pandemie würde eine andere Wendung nehmen. Die aktuellen Ereignisse in der Ukraine standen am Sonntagmittag im Mittelpunkt des Talks, der politisch wurde, dabei aber auf einer emotionalen, persönlichen Ebene blieb. Das lag zum einen daran, dass Salzmann familiäre Wurzeln in der Urkaine hat. Zum anderen berührt ihr zweiter Roman „Im Menschen muss es herrlich sein“ die aktuellen Ereignisse. Salzmann erzählt eine Familiengeschichte vor dem Hintergrund der späten Sowjetzeit. Die starken Frauenfiguren im Buch basieren auf Interviews, die sie auf einer Recherchereise durch die Ukraine geführt hat.

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Warum sie daraus kein Sachbuch gemacht hat, erklärte die preisgekrönte Autorin zu Beginn so: „Wenn ich etwas über ein Land erfahren möchte, lese ich keine Sachbücher, sondern Romane. Sie lenken die Perspektive auf eine emotionale Ebene, die mir näher und wichtiger ist“, sagte Salzmann.

Es sei gar nicht so einfach gewesen, mit Frauen ins Gespräch zu kommen, die sich an die Zeit erinnerten, als ihr Land Teil der Sowjetunion war. „Viele von ihnen glaubten, sie hätten nichts zu erzählen“, sagte die Autorin, die glaubt, den Grund dafür zu kennen: „Die Frauen sind es nicht gewohnt, dass man ihnen zuhört.“ Doch Salzmann hörte ihnen zu, nahm sich Zeit, und plötzlich sprudelten sie hervor, die Erinnerungen an eine dunkle Zeit, die das, was gerade passiert, in einem noch anderen Licht erscheinen lassen. „Die Menschen in der Ukraine sind traumatisiert, weil sie das einzige Land in Europa sind, das zweimal einen Kolonialisierungsversuch erlebt hat“, sagte Salzmann. Im Verlauf des Vormittags berichtete die Autorin davon, dass es 1932/33 durch Stalin eine als „Holodomor“ (ukrainisch für „Tötung durch Hunger“)  bezeichnete systematische Aushungerung der Bevölkerung gegeben habe, der  schätzungsweise bis zu sieben Millionen Menschen zum Opfer fielen. Seit ihrer Unabhängigkeit von der Sowjetunion, 1991, bemühe sich die Ukraine um eine internationale Anerkennung des Holodomors als Völkermord.

„Wenn man das weiß, sieht man das Vorgehen Putins mit anderen Augen“, betonte die Autorin und verwies auf das Paradoxon, dass es dem russischen Präsidenten angeblich um die Entnazifizierung gehe. „Da frage ich mich schon, wie er darauf kommt. Rund 45 Prozent der Bevölkerung in der Ukraine ist jüdisch, ebenso wie ihr Präsident“, sagte Salzmann und schob hinterher, wie „erschreckend die Unwissenheit über geschichtliche und geografische Zusammenhänge“ doch sei. Vor dem Krieg und der aktuellen Berichterstattung hätten viele hierzulande noch nicht einmal gewusst, wo die Ukraine überhaupt liege. Sie unterstrich dies mit einem Erlebnis mit einer Sparkassenangestellten, die für Auslandsüberweisungen zuständig war: „Sie fragte mich ernsthaft: Wo in Russland liegt denn die Ukraine?“

Das Publikum hatte im Anschluss an das Gespräch mit Mithu Sanyal und zwei Kapiteln, die Salzmann aus ihrem Roman vorlas, zwar die Gelegenheit Fragen zu stellen, verzichtete aber darauf. Vielleicht musste das Gehörte auch erst einmal sacken.

Info Zu Gast bei „The Future of …“ wird am 3. April die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen sein. Ab 11 Uhr spricht sie mit Mithu Sanyal dann über das Thema „Verletzlichkeit“. Infos und Tickets unter: www.dhaus.de