Düsseldorf: Diese Oper ist ein Reaktor des Wahnsinns

Düsseldorf : Diese Oper ist ein Reaktor des Wahnsinns

Wen-Pin Chien sieht seine Hauptaufgabe darin, die "Balance zwischen Bühne und Graben" auszutarieren. Hört sich banal an, denn es ist der Job des Operndirigenten, sein Orchester zu zügeln, damit man die Sänger-Solisten hören kann.

Bei Prokofjews "Der feurige Engel" aber entfaltet der spätromantische Klangapparat eine derartige Wucht, dass die Rheinoper - an der die symbolistische Oper am Samstag Premiere hat - zwei zusätzliche Bühnen-Orchesterproben angesetzt hat. Jedenfalls schwärmt der besonders fürs neuere Repertoire zuständige Kapellmeister von den extremen Klangfarben, mit denen Kontrabässe in höchsten Lagen und Violinen mit ungewöhnlichen Klangeffekten von den religiös-sexuellen Verzückungen der Hauptfigur oder den Torturen des Scheiterhaufens erzählen.

"Der feurige Engel" erzählt einen Horrortrip. In dessen Mittelpunkt steht Renata, die von einer Engelerscheinung beseelt, wahnhaft besessen ist. Die Beziehung zur Welt und zu ihren Partnern wird durch ihr religiöses Verrücktsein geprägt. Sie landet - die Vorlage spielt im Mittelalter - auf dem Scheiterhaufen der Inquisition.

"Orgiastische Finsternis" prägt die Oper, so Immo Karaman, der als Regisseur auch an der Deutschen Oper am Rhein für den präzisen psychologischen Zugang auf Opernstoffe geschätzt ist. Er macht sich zusammen mit seiner Bühnenbildnerin Aida Guardia auf die Suche nach Renatas Utopie des feurigen Engels: einer Wahrnehmung der Welt mit der Sehnsuchts-Brille religiöser und sexueller Harmonie. Und fragt, warum sie glaubt und warum sie scheitert.

In der Oper ist Ruprecht, ein empathischer Rationalist, derjenige, an dem diese Kluft deutlich wird. Der Bariton Boris Statsenko sieht seine Figur hin- und hergerissen, von der Regie "auf den Kern menschlichen Gefühls" fokussiert. "Für Rupert ist kein Planen möglich, er kann sich entweder in seiner Liebe selbst verlieren oder hassen." Statsenko hat die Partie gerade im Bolschoi-Theater gesungen, ist ebenfalls wie seine Partnerin, die Sopranistin Svetlana Sozdateleva überaus vertraut mit Prokofjews Oper. Sozdateleva hat die Renata zuletzt in Berlin verkörpert, was ihr eine "Faust"-Nominierung einbrachte. Die Partien sind anstrengend, sehr expressiv. Und sie führen die Sänger an körperliche und emotionale Grenzen.

Karaman nimmt Prokofjews Figuren ernst, er will den Kern ihres Menschseins zeigen. "Mit ,Die hat nicht mehr alle Tassen im Schrank', kommt man nicht weiter", sagt er. Sein Ort für die an vielen Plätzen spielende Handlung ist eine Art Reaktor des Wahnsinns, der von einer Lungenheilanstalt bei Berlin inspiriert wurde. Hier sollen spielfilmartige Perspektivwechsel wie in einem Labyrinth möglich sein. "Wir wollen den Wahn erlebbar machen", sagt Karaman. Das Publikum kann sich auf zweieinhalb Stunden düster-rätselhafter Emotion gefasst machen.

Premiere Samstag, 13. Juni, 19.30 Uhr. Zweieinhalb Stunden; eine Pause. Karten 0211 8925 211, www.operamrhein.de

(RP)
Mehr von RP ONLINE