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Düsseldorf: Die Welt des Fotokünstlers Wolfgang Tillmans

Düsseldorf : Die Welt des Fotokünstlers Wolfgang Tillmans

Der Turner-Preisträger stellt in Düsseldorf eine große Retrospektive aus. Der Chronist des Lebens erfindet ungewöhnliche Bilderwelten.

Willkommen in der Welt des Wolfgang Tillmans. Der Künstler ist Weltreisender, Forscher, Theoretiker, Erzähler und Fotograf. Er ist aus Berlin angereist nach Düsseldorf, in die Nähe seiner Geburtsstadt Remscheid. Im Ständehaus K 21 stellt er seit Freitag sein Werk vor, das er in mehr als 20 Jahren erarbeitet hat.

Ein Werk, für das er mit dem höchsten Kunstpreis, dem Turner Prize, ausgezeichnet wurde. Die britischen Medien nannten ihn anlässlich der Preisverleihung "Schock-Fotograf", weil er auch Fotos von Genitalien zeigt und Männer in intimen Momenten ablichtet. Zu seinen schwer unter einen Begriff zu fassenden Arbeiten gehören jedoch überwiegend weniger kontroverse Landschafts- und Naturfotografien, Stillleben, Sternenbilder, Porträts und noch viel mehr.

Der Schlüssel zum Eingangstor in Tillmans Welt ist nicht leicht zu finden. Wir treffen uns während der Tage des Aufbaus: Tillmans ist von Assistenten und Kuratoren umgeben, vieles ist noch zu tun, der Boden übersät mit verpackter Kunst. Konzentriert arbeitet die Mannschaft, um den Eröffnungstermin halten zu können.

Viele Arbeiten hängen schon an den Wänden - wie meistens bei Tillmans werden sie mit Tesa-Streifen oder leichten Klammern befestigt. "Ein Foto ist für mich in erster Linie ein Objekt im Raum", sagt er - ein flacher Quader, eine Skulptur." Es schmiegt sich nicht einfach plan an die Wand.

Wir wollen ihn jetzt fotografieren - ob er das mag? "Fotografie ist ein Dialog, eine Projektion, eine Hoffnung und eine Vermutung", hat er einmal gesagt. Dann nickt er. Passend wäre ein Bild vor der blauen Arbeit aus der Serie "Freischwimmer" - diese neuen riesigen, fast wie Farbfeldmalerei anmutenden Flächen hat er in dieser Anordnung noch nie gezeigt.

Sie tragen spärliche Zeichen, erinnern an den Maler Cy Twombly. "Stimmt", sagt Tillmans und lächelt erstmals. Sie könnten andererseits als Körperbilder gelesen werden, Landschaften von Haut sein mit Körperhaaren als Markierung von Biegungen und Höhlen. "Stimmt auch", sagt er. Jeder sieht das vielleicht anders.

Als Fotograf ist Tillmans nicht in eine stilistische Ecke einzuordnen. Mit den berühmten Zeitgenossen, mit Gursky, Struth und Ruff aus der Düsseldorfer Becher-Schule, hat er kaum etwas gemein. Er hält die Fotografie für eines der schwierigsten Medien, weil es ein psychologisches Medium sei.

Sein Instrumentarium ist ein anderes, er arbeitet nicht elektronisch nach, nimmt das gegebene Licht, bis 2009 entstanden nur analoge Bilder, seitdem auch digitale. Hinter seiner Vorgehensweise stehen eine gedankenschwere Theorie und ein naturwissenschaftlicher Blick auf das Universum, in dem der Mensch nur eine kleine Größe ist. "Leben ist astronomisch." Davon ist Tillmans überzeugt.

Er sieht die Erde und alles Leben nur als Ausformung eines bestimmten astronomischen Zustandes, der speziell auf unserem Planeten gegeben ist. Man könne ein einzelnes Menschenleben nicht als getrennt von der Erde betrachten. "Wir sind der Planet", sagt er, "und letztlich nur Ausformungen eines astrogeologischen Gebräus." Dementsprechend stelle er sich als Künstler vor allem ethischen Fragen, das treibe ihn stärker um als ästhetisches oder technisches Kalkül. "Es geht mir im Grunde um Menschenfreundlichkeit", sagt Wolfgang Tillmans. Später rutscht es ihm einfach so heraus, da lässt er sich hinreißen zu sagen: "Ich bin ein überzeugter Fotograf." Sogleich widerruft er. "Nein, das ist falsch. Über allem steht die Kunst, das Konzept. Die Fotografie ist nur ein Ausdrucksmittel dafür."

Obwohl die Welt überbebildert und überfotografiert war, fing er durch Fotokopien Feuer für das Medium und die Pixel. Er setzte mit der Kamera an und gewann Beachtung als Chronist seiner extravaganten Lebensumstände. Die Bilder der Raves und Schwulenclubs, die intimen Aufnahmen von nackten und halbbekleideten Freunden sind heute schon fast Geschichte. "Die von mir fotografierte Lebenswelt der 90er ist eine Fiktion gewesen, die als Realität gelesen wurde."

Die Clubnächte von damals seien Wunschträume gewesen, utopische Erzählungen. Viel realer erscheint das, was ihn in den zurückliegenden drei Jahren umtrieb, in denen es ihn in die entlegensten Winkel der Erde zog, um neue Eindrücke zu gewinnen. "Neue Welt" heißt das bei Taschen erschienene Fotobuch, für das er in fast 50 Ländern fotografiert und daraus ein Kaleidoskop zusammengestellt hat. Menschen gibt es darin, Tiere, Pflanzen und Landschaften, Stills, Elementares, Merkwürdigkeiten und Alltägliches, Abstraktes, Abstruses und Übertriebenes - in der Summe ist es Unbeschreibliches.

Hunderte von Einzelbildern - einige sind auf einem Blatt collagiert, überlagern sich: eine Schnitttechnik, die ein Bild von der Gleichzeitigkeit der Einzelaufnahmen suggeriert und für sich ein Gesamtkunstwerk darstellt. "Die Neue Welt fühlt sich an wie ein Buch, das ich geschrieben habe, es ist ein Essay."

Darunter sind Nacht- und Sternenhimmel, die er auch in Düsseldorf zeigen wird. Offenbar besinnt er sich mit 43 Jahren wieder auf die Jugendzeit, als er ein besessener Himmelsgucker war. "Ich glaube, mein Sternegucken war meine visuelle Initiation zum Sehen", sagt Tillmans. Es war auch eine Schule der Wahrnehmbarkeit, um die Trennschärfe zwischen etwas und nichts zu erkennen." Bis heute beschäftigen ihn diese Grenzthemen. Und immer wieder wird er über die Welt nachdenken. "Das ist alles, was ich tue. Ich übersetze in Visuelles, wie es sich anfühlt zu leben."