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Helmut Oehring: "Die stärkste Sprache ist die Stummheit"

Helmut Oehring : "Die stärkste Sprache ist die Stummheit"

Der Komponist Helmut Oehring hat für die Rheinoper ein neues Werk geschrieben, das am 8. März uraufgeführt wird. Das Besondere an der Oper "SehnSuchtMEER" ist: Eine Gebärdensolistin hat die Rolle der zentralen Figur inne.

Seine Muttersprache ist die Gebärdensprache, denn Helmut Oehring ist aufgewachsen mit gehörlosen Eltern. Als Autodidakt kam er zum Komponieren, wurde erst nach der Wende Meisterschüler an der Berliner Akademie der Künste, 2005 deren Mitglied. Oehring hat bisher an die 20 Werke für Musiktheater geschrieben, die weltweit gespielt werden. Mit "SehnSuchtMEER oder Vom Fliegenden Holländer" stellt er sich erstmals an der Rheinoper Düsseldorf vor.

Es ist sein Auftragswerk zum Wagner-Jahr für große Opernbesetzung. Das Libretto von Stefanie Wördemann verknüpft Wagners "Holländer" mit Heinrich Heines Traumsequenzen aus den "Memoiren des Herrn von Schnabelewopski", den "Wesendonckliedern" und Andersens Märchen "Die kleine Meerjungfrau".

Herr Oehring, etliche Ihrer Werke reagieren auf historische Vorlagen, reiben sich, treten in den Dialog, Sie sprechen von ,Antwortopern'. Wie viel Wagner, wie viel Holländer steckt in Ihrer neuen Partitur?

OEHRING Einige Passagen werden Ohren, die mit dem Holländer vertraut sind, bekannt vorkommen. Aber es gibt kaum Stellen, die purer Wagner sind. Mal ist ein Ton, mal eine Harmonie verwandelt. Der Holländer-Monolog, die Senta-Ballade, der Norweger-Chor, das Liebesduett — die sind gut zu erkennen.

Sie greifen in Wagners Musik ein, kommentieren, spinnen sie weiter. Warum?

Oehring Bis heute gibt es, glaube ich, kaum jemanden, der mit dieser Kraft künstlerische Leistungen vollbracht hat wie Wagner. Ich frage nach den Konsequenzen seines Werks, meine Berührungen sind Verheutigungen. Ich habe beim Komponieren gedacht: "Lieber Richard, Du hättest das doch so gemacht, oder?" Aber immer liebevoll und mit der Frage: Wohin wollen die Klänge heute? Auch die Geschichten, die Wagner erzählt, die haben ja pur Bestand: die Suche nach dem Ort, die Suche nach dem Menschen. Komponieren hat etwas mit Zauberei zu tun. Das heißt: Ich verwandle. Ich möchte diese intensive Auseinandersetzung mit Wagner nicht missen, ich habe mich auch toll verändert dabei.

Wie darf man sich die Umsetzung für die Bühne vorstellen?

Oehring Das begann bei ersten Plänen, der gemeinsamen Entwicklung des Librettos. Claus Guth und ich blieben immer im Gespräch. Das setzt sich auch bei der Inszenierung fort. Am Anfang waren wir bei vier, jetzt sind es noch drei Stunden Spielzeit. Wesentlich ist unser gegenseitiges Vertrauen, unser intuitives Wissen. Ich bin immer noch dabei zu übermalen, zu radieren, zu vertuschen. Das ist für alle Beteiligten, gerade für die Sänger und das Orchester, ein Grenzgang. Aber in diesem kreativen Prozess ist nicht das Werk, sondern das Jetzt das Wichtige. Wie konstruktiv diese Arbeit hier am Hause abläuft, das erlebe ich als großes Glück.

Was ist daran heutig?

Oehring Heine, Wagner und Andersen sahen die Romantik ironisch und gebrochen. Alle drei Künstler verbindet, dass sie Wege aus der Romantik suchten. Die Idee war, zum Holländer Parallelgeschichten ins Jetzt zu finden. Die Oper erzählt Sehnsuchtsgeschichten aus einer längst vergangenen Zeit mit Suchenden und Flüchtenden. Auch heute ist die halbe Welt auf der Flucht.

In Ihren Arbeiten spielt Gebärdensprache eine wesentliche Rolle. Was, über den autobiografischen Hintergrund hinaus, interessiert Sie daran?

Oehring Daran ist Wagner schuld. Sein Musiktheater-Konzept — Orchester weg, Licht aus im Zuschauerraum, Fokus auf die Bühne — das ist Zauberei, Erschütterung. Der physische Körper in Wagners Musik hat mich provoziert, die zentrale Figur in einer Gebärdenkünstlerin zu suchen, mit einer Präsenz auf der Bühne, wie sie nur die Schwester der Musik und Klänge schafft — die Stille, das Schweigen, die Gebärde.

Wie kann man sie verstehen?

Oehring Die stärkste Sprache ist stumm. Die Figur der Meerjungfrau, die das Zerrissensein, das Ortlose verkörpert, kann ich am besten darstellen mit einer Fremden unter Menschen. Sie ist der intuitive Motor des Ganzen, das Kraftzentrum auf der Bühne. Und wir verstehen mit den Augen und mit dem Herzen. Ich meine, dass bestimmte Dinge Geheimnis bleiben sollten. Oper lebt auch von Verschlüsselung, man geht verwandelt wieder heraus.

Sie betonen autobiografische Parallelen zu Wagner. Spüren Sie in sich eine ähnliche politische Funktion, wie Wagner sie verstanden haben könnte?

Oehring Eben weil mich die Kunstmusik sehr spät getroffen hat, weiß ich, wohin die Musik muss, nämlich unter die Menschen. Gegen diese Verselbstständigung, gegen die wir heutigen Komponisten kämpfen, hat Wagner auch gekämpft. Er holte über einen Fonds das Volk nach Bayreuth, die Wurstverkäuferin oder den Bauern. Musik muss die Gesellschaft verändern. Daran glaubte Wagner, und das gilt auch für mich.

(RP)