Düsseldorf: Die Sekretärinnen trumpfen auf

Düsseldorf: Die Sekretärinnen trumpfen auf

Franz Wittenbrinks Gesangsposse hatte im Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere.

Die acht Frauen, die der Autor Franz Wittenbrink auf die Bühne schickt, haben es in sich. Nur scheinbar sind sie so bieder, wie es ihre Büro-Kleidung im Stil der 60er, 70er Jahre vermuten lässt. In Wirklichkeit träumt sich jede von ihnen aus dem Großraumbüro in eine andere Welt. Und wie könnte man romantischer, auch kitschiger träumen als mit jenen Schlagern, die damals durch die Republik tönten und als Ohrwurm-Klassiker oft bis heute lebendig geblieben sind?

Wittenbrinks angejahrtes Stück "Sekretärinnen" hatte jetzt in einer schmissigen Inszenierung von Michael Wallner Premiere im Großen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses. Wer es voll genießen will, sollte selbst schon in die Jahre gekommen sein oder zumindest gelegentlich WDR 4 gehört haben. Denn die Welt, von der es erzählt, hat längst dem digitalen Zeitalter Platz gemacht, und bei jüngeren Leuten werden nicht alle Schlager von damals den Wiedererkennungseffekt auslösen, auf den diese musikalische Komödie baut.

Tatsächlich besteht sie fast ausschließlich aus Gesang - und einer famosen Choreografie der Damen, die sich mal grazil, mal berserkerhaft, mal erotisch an ihren klappernden Schreibmaschinen zu schaffen machen. Aus dem Ensemble der singenden Sekretärinnen sticht vor allem Manuela Alphons hervor. X-beinig und mit verzogenem Mund greift sie verkrampft, aber doch auch im Rhythmus der Musik in die Buchstaben-Tasten. Ihre Füße ruhen in orangefarbenen Latschen - nebenan die ausgezogenen Pumps. Später wandelt sich diese grüne Maus zur Femme fatale mit dunkler, rauchiger Stimme und bildet dann noch stärker als zuvor einen Gegenpol zu Elaine Cameron, die in die dankbare Rolle des altjüngferlichen Schöngeists in kariertem Kleid und grauer Strickjacke schlüpfen darf. Immer wieder unterbricht sie die Schlagerparade durch empfindsame Gedichtvorträge aus dem Schatz der deutschen Klassik und Romantik.

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"Für mich soll's rote Rosen regnen", "Der alte Wolf wird langsam grau" und Nana Mouskouri ohne Ende - mit solchen Klängen lullt das Stück seine Hörer ein, im Hintergrund stets die riesige grafische Anmutung eines schwarz-weißen Bürogebäudes. Irgendwann produziert sich dann auch der einzige männliche Darsteller der Inszenierung. Matthias Fuhrmeister, der bis dahin nur als schluffiger Bote in Erscheinung getreten ist, schmettert mit Inbrunst eine Canzone und reißt sich das Hemd vom Leib, so dass sich das Publikum zu Zwischenapplaus ermuntert fühlt. Claudia Hübbecker im weiß gepunkteten roten Kleid weckt regelmäßig Aufmerksamkeit durch ihr Liebesgeflüster am Wählscheiben-Telefon, Susanne Tremper verbreitet um sich einen koketten stillen Zauber, Hanna Werth kommt mit ihrer aufbegehrenden Art erst im zweiten Teil des ohne Pause aufgeführten Stücks richtig zum Zuge. Inzwischen ist das Bürohaus im Hintergrund einem riesigen Platz gewichen, dessen Linien parallel in Richtung Horizont führen - heraus aus dem Käfig, hin zu den Orten der Sehnsucht. Hanna Werth schlüpft jetzt in ein Lederjäckchen, die Musik wechselt von Schlager zu Rock'n'Roll, und sogar die altmodische Schöngeistige geht aus sich heraus und bringt ein paar ungelenke Tanzbewegungen zustande. Das Sekretariat befreit sich aus den Zwängen, die ihm der unsichtbare Chef auferlegt hat, und probt die Revolte. "This is a Man's World" singt der Bote wie James Brown mit großer Geste - Ausklang eines unterhaltsamen Märchens, das ohne Handlung auskommt und sein Publikum dennoch in Spannung hält.

Nach anderthalb Stunden gibt es Jubel für einen großen Schauspielerabend und im Gegenzug vier Gesangszugaben des glücklichen Ensembles.

Info Nächste Aufführungen: 28. und 31. Oktober, 2., 5., 8. und 23. November; Kartentelefon: 0211 369911

(RP)
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