Wolfgang Ullrich: "Die Quadriennale steht Düsseldorf gut"

Wolfgang Ullrich : "Die Quadriennale steht Düsseldorf gut"

Der Kunsthistoriker aus München wurde engagiert, um die vierte Quadriennale in professionelleres Fahrwasser zu bringen.

Sie sind als Kurator der Quadriennale Düsseldorf 2014 bestellt. Was tut ein Kurator Gutes?

Ullrich Kuratoren können vielerlei Gutes tun, doch ich bin in meiner Funktion als Programmleiter der Quadriennale 2014 etwas ganz anderes. Ich habe eine eher moderierende Aufgabe, stelle Verknüpfungen zwischen den beteiligten Institutionen her und sorge für ein Stück inhaltlicher Verbindlichkeit.

Was halten Sie von der Quadriennale?

Ullrich Ich finde es eine fantastische Idee, die nur ganz, ganz wenige Städte so gut verwirklichen könnten wie Düsseldorf. Denn wo sonst gibt es schon eine solche Vielfalt und Qualität von den Künsten gewidmeten Institutionen? Und alle vier Jahre stehen sie einmal nicht in Konkurrenz zueinander, sondern veranstalten zusammen ein großes Kunstfest, bei dem gewaltige Synergien möglich sind und in dem alle sich einem Leitthema widmen.

Treibt Sie nicht auch nur die Eventisierung von Kunst weiter?

Ullrich Ein Fest ist deutlich mehr als nur ein Event! Die Institutionen konzertieren gleichsam, sie inszenieren das Leitthema in seiner Vielfalt und entsprechend ihrem jeweils eigenen Stil. Das führt gerade nicht zu einer Banalisierung, wie man es mit dem Begriff Event assoziiert, sondern viel eher zu einer Intensivierung.

Die letzte Quadriennale in Düsseldorf hatte gerade einmal 250 000 Besucher — nicht viel mehr als die El- Greco-Ausstellung zog. Was sagt die Besucherzahl über die Güte einer Ausstellung?

Ullrich Besucherzahlen sind überhaupt kein zuverlässiger Indikator für die Qualität einer Ausstellung. Viel wichtiger ist, ob es ihr gelingt, neue Sichtweisen zu vermitteln, Besucher für etwas zu begeistern, auch noch nach Jahren im Gedächtnis zu sein.

Kling das Motto "Über das Morgen hinaus" nicht ein wenig verquast?

Ullrich Finde ich nicht. Ein Leitthema muss wie ein Dach funktionieren, das Platz bietet und nicht von vornherein zu vieles ausschließt.

Und wie liest sich das international?

Ullrich "Beyond tomorrow" heißt es auf Englisch, das klingt doch gut.

Unter diesem Leitmotiv sollen Geschichten der Zukunft ausgebreitet werden — die Ausstellungen stehen gegen den Vorwurf, als Gesellschaft zu gegenwartsbezogen zu denken. Wie hat man sich das vorzustellen?

Ullrich Das ist weniger ein Vorwurf als eine Diagnose. Tatsächlich kommen wir angesichts der Fülle der jeweiligen Gegenwart manchmal gar nicht mehr recht dazu, uns mögliche Zukünfte auszumalen, ja uns zu überlegen, ob und wie wir uns unsere Welt vielleicht auch ganz anders vorstellen könnten. In der Geschichte gab es aber immer wieder Phasen, in denen die Menschen große Hoffnungen, Sehnsüchte oder auch Ängste mit der Zukunft verknüpft haben. Daran werden einige Ausstellungen erinnern, andere wollen eher dazu beitragen, uns aus heutiger Sicht zu animieren, der Zukunft wieder mehr Raum zu geben.

Bei den bisherigen Quadriennalen fehlte der rote Faden, der die Museumsbesucher dazu verleitet, von Haus zu Haus zu gehen. Wie wollen Sie einen Zusammenhang schaffen?

Ullrich Gemeinsam mit allen Kuratoren habe ich ein Netzwerk an Begriffen entwickelt, die einzelne Aspekte unseres Leitthemas benennen — Begriffe wie Fortschritt, Verwandlung, Licht oder Neugier. Nicht der eine rote Faden, sondern ein Geflecht an Zusammenhängen, das der Museumsbesucher auf sehr vielfältige Arten entdecken kann.

Wie modern und auf welchem Stand der medialen Entwicklung bewegt sich das Begleitprogramm?

Ullrich Es wird sicher nicht darum gehen, einander überbietende High-Tech-Spektakel zu präsentieren. Dafür gibt es andere Veranstaltungen.

Die ständige Zusammenarbeit mit den Institutsleitern hat Ihren Blick auf Düsseldorf vertieft — wie steht Ihrer Meinung nach die Kunststadt da?

Ullrich Ich bin sehr beeindruckt von der Ernsthaftigkeit, mit der in der Stadt an so vielen Orten fortwährend — nicht nur bezogen auf die Quadriennale — spannende und wichtige Ausstellungsprojekte entwickelt werden. Die Quadriennale kann das vielleicht noch etwas bewusster machen und zu einer höheren Identifikation der Düsseldorfer mit ihrer Stadt und deren Kunstinstitutionen führen.

Nur wenn die Quadriennale Düsseldorf eine internationale Marke wird, wird sie weitergeführt werden. Bisher hat sie das nicht geschafft. Immerhin kostet sie 2014 die Stadt rund vier Millionen Euro. Welche Marken-Strategie haben Sie?

Ullrich Um eine Marke überzeugend aufzubauen, braucht es ziemlich viel Zeit, auf jeden Fall viel mehr als nur das Intervall zwischen zwei Quadriennalen. Bis beispielsweise die Biennale in Venedig so etwas wie eine Marke war, vergingen mehrere Jahrzehnte.

Erstmals findet die Quadriennale zeitgleich zur Art Cologne in Köln statt — macht das Sinn?

Ullrich Die Erfahrung lehrt, dass solche Verknüpfungen von Ereignissen insgesamt das Aufmerksamkeitsniveau heben können. Als Außenstehender freue ich mich, dass Düsseldorf und Köln hier ausnahmsweise mal ihr Konkurrenzdenken aufgeben.

ANNETTE BOSETTI FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP/ila)