Düsseldorf Die Königsallee - extravagant aus Überzeugung

Düsseldorf · Diese Straße ist die größte Bühne der Stadt, und ihre beste Vorstellung beginnt samstags um 15 Uhr. Vorabdruck aus einem neuen Buch.

 Ein ganz normaler Samstag an der Königsallee: Szene am nördlichen Ende der Straße.

Ein ganz normaler Samstag an der Königsallee: Szene am nördlichen Ende der Straße.

Foto: Bernd Schaller

Wer in Düsseldorf großes Theater erleben möchte, sollte sich an die Königsallee begeben, am besten samstags gegen drei. Dann führen sie auf der berühmtesten Freilichtbühne der Stadt ihre erfolgreichste Komödie auf. Sie heißt "Parkplatzsuche", und der Eintritt ist frei.

Ich lebe seit vielen Jahren in Düsseldorf, aber ich gönne ich mir dieses Schauspiel immer mal wieder. Und ich bereite es gut vor: Ich kaufe beim Konditor Heinemann ein Stück Herrentorte zum Mitnehmen, lasse mir eine Plastikgabel einpacken und schlendere mit der grünen Tüte an die Kreuzung Königsallee Ecke Steinstraße.

Die grünen Tüten sind ein Erkennungszeichen, urbaner Code, eine folkloristische Besonderheit: Wer sie trägt, gehört dazu, gibt sich als Eingeweihter zu erkennen. Ich setze mich also auf eine Bank nahe der Kreuzung. Die Königsallee ist nicht an allen Stellen gleich, das ist Tiefbau mit hohem Unterhaltungswert, diese Straße hat eine Dramaturgie, und sie entspricht der Biographie einer Millionärsgattin.

Der südliche Teil steht dabei für die Geburt im Ghetto, dort ist die Königsallee ein wenig schäbig, alles ist noch Ouvertüre: Chinalokal neben leerstehendem Elektromarkt, Fitness-Studio und Bäckerei. Kleine Verhältnisse.

Jenseits der Graf-Adolf-Straße wird es besser, allmählich fließt das Geld, der Aufstieg beginnt, die Königsallee kommt im Klischee an und wird zur Kö. Abgespreizter Zeigefinger, halb geschlossene Lider. Auf der anderen Straßenseite hat die Kö ihr Rückgrat, da findet man die großen Banken, sie residieren diskret auf der ruhigeren Seite der Straße - wie es sich gehört. Am nördlichen Ende, das zum schönen Hofgarten hin offen ist, wirkt sie schließlich am edelsten, ist still und elegant, vollendet gewissermaßen, eine Dame.

Auf der Mitte, an der Kreuzung, an der ich nun sitze und die weiße Plastikgabel in den Kuchen steche, erlebt man so betrachtet ihre Pubertät. Dort ist sie grell und laut, brünstig geradezu. Wenn eine Straße Punk sein könnte, die Kö wäre es auf genau diesen Metern. Punk definiert sich jedoch anders an diesem Ort, das Dagegensein besteht darin, dass niemand mehr an diese Einkaufsstraße kommt, weil er etwas braucht. Die Verhältnisse stehen Kopf. Hier haben alle längst alles, und das wollen sie auch zeigen - too much aus Prinzip.

Das Großstädtische an Düsseldorf besteht nicht darin, dass es dort besonders viele oder hohe Häuser gibt, sondern darin, dass so viel Raum für das Nebeneinander da ist. Hier kann sich jeder die Freiheit nehmen, zu sein, wie sich sonst keiner zu sein traut.

Wer im Umkreis von 100 Kilometern wohnt und ein Auto besitzt, das teurer als 100 000 Euro ist, fährt samstags selbstverständlich an die Kö. Ist er angekommen, lässt er die Karre kurz aufheulen: "Wruuummm!" heißt "Ich bin da!". Bikertreffen für die höheren Stände gewissermaßen.

Das ist ohnehin das Sympathische an den Düsseldorfern: Samstags verleihen sie ihre bekannteste Straße an die Auswärtigen, man sieht dann auf der Kö nur Nummernschilder aus dem Ruhrgebiet, dem Bergischen Land, aus Holland und vom Niederrhein, und die Einheimischen sind so nett und lassen ihre eigenen Fahrzeuge in Oberkassel stehen, in Meerbusch und Kaiserswerth.

Man muss nun wissen, dass die Kö nur scheinbar eine zweispurige Straße ist. Wenn zwei Wagen nebeneinanderfahren, passt nicht mehr viel dazwischen. Hinzu kommt, dass jeder hier auf der Suche nach einer Parklücke ist, er schaut links und rechts, und manchmal fährt er langsamer als geboten, oder er zieht weiter nach rechts, als dem Nebenmann lieb ist, und dann wird gehupt. Im Grunde ist die Kö ein großer Parkplatz, auf dem die Regeln der Straßenverkehrsordnung außer Kraft gesetzt sind.

Das Hupen ist das Rülpsen der pubertierenden Meile, und großartig anzusehen ist der Porsche 911, den sein Besitzer mit einer 6000 Euro teuren Folie im Carbon-Look hat überziehen lassen, damit das Auto aussieht wie aus Haifischhaut gefertigt.

Er parkt vor meinen Augen ein, ich kaue gerade ein Stück Herrentorte und seufze dabei vorfreudig, denn nun erwarte ich das Geräusch, das so typisch für die Kö am Samstag ist wie das "Fump" beim Öffnen einer Flasche Flensburger Pils.

Tatsächlich macht es bald "Klonk", der Porsche-Besitzer steigt aus seinem Auto, er stößt seine Tür gegen die Tür des Nebenmanns, weil die Parklücken an der Kö viel zu klein sind für die Art Wagen, die hier geparkt wird. Klonk, Klonk, Klonk, so geht der Rhythmus der Kö, und die Macke in der Mitte der Tür ist nicht Makel, sondern Medaille. Sie sagt: Ich war dabei.

Wie jede gute Komödie ist auch diese im Kern eine Tragödie. Nirgendwo sonst - vielleicht mit Ausnahme des Fußballstadions - sieht man Menschen so direkt ihren Hass ausleben, wenn sie meinen, nicht Recht zu bekommen, obwohl sie sich im Recht glauben. Ich habe Autofahrer gesehen, die ausstiegen, sich auf der Straße anschrieen, einander an die Gurgel gingen und von ihren Frauen auf dem Beifahrersitz aus dem offenen Fenster heraus auch noch angefeuert wurden: "So ein Arschloch, du!" Dazu bellte der kleine Hund auf dem Schoß der Dame. Der Grund war eine Parklücke und die Unklarheit darüber, wer sie als Erster entdeckt hat.

Es gibt ein Phänomen, das man den "Diderot-Effekt" nennt, daran muss ich immer denken, wenn ich an der Kö Gesellschaftskunde betreibe, soziologisches Whale-Watching. Es ist nach dem französischen Philosophen Denis Diderot benannt, der 1772 in einem Essay beschrieb, wie sein Lebensglück an dem Tag verloren ging, an dem er von einem Freund einen neuen, schicken Hausrock geschenkt bekam. Denn auf einmal merkte Diderot, dass die Dinge in seiner Wohnung nicht mehr zum feinen Outfit passten, obwohl er bisher ganz zufrieden mit ihnen war. Die anspruchslose Harmonie war gestört: Strohstuhl und Holztisch wirkten schäbig und mussten durch besseres Mobiliar ersetzt werden. Diderot geriet in eine Frühform der Konsumspirale, er fühlte sich in seiner Wohnung schließlich nicht mehr zuhause, sondern als Fremder, beherrscht von Dingen, die nicht zu ihm passten. Und das alles nur, weil er sich dem Neuen nicht entziehen konnte.

Ich habe mal daran gedacht, Diderots Essay zu verfilmen. Man könnte das nur an der Kö machen, und Mario Adorf sollte die Hauptrolle spielen; er müsste dann so sprechen wie damals als Generaldirektor Heinrich Haffenloher in der Fernsehserie "Kir Royal".

Die Passanten auf der Gehsteig-Seite mit den teuren Shops geben sich von all dem unbeeindruckt, sie schauen höchstens kurz auf, grinsen oder schütteln den Kopf. Sie schieben einander voran, ein gleichmütiger Strom, der sich dem Glück nähert und am Abend froh sein wird, wenn er daheim angekommen ist.

Wer die Kö nur zu dieser Uhrzeit kennt, samstags gegen drei, der sollte zur Mitternacht zurückkehren, dann ist sie die reine Idylle, menschenleer und still, absolute Ruhe im Zentrum der Metropole. Ich habe gelesen, wenn die Queen bei "Harrod's" einkaufe, dann tue sie das nach Ladenschluss. Sie darf dann durch die Gänge streifen und ungestört schauen und aussuchen. So ähnlich fühlt man sich beim nächtlichen Kö-Bummel. Die Kö wird erst im Licht zur Kö, das Sehen ist wichtiger als das Sein, in der Nacht funktioniert sie nicht, da fehlt der Glanz.

Ich habe meinen Kuchen gegessen. Ich drücke die leere grüne Tüte in den Mülleimer neben meiner Bank. Mir ist ein bisschen übel, außerdem friere ich. Trotzdem muss ich lächeln.

(RP)