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Die erste Ausgabe des Zyklus „düsseldorf photo +“

Reiches Spektrum in Düsseldorf : Virenfrei durch die Fotoszene

Die erste Ausgabe des Zyklus „düsseldorf photo +“ weckt Lust auf weitere. An rund 50 Orten ist Fotografie und mehr zu sehen.

Der Abend der Eröffnungen lockte nur wenige zur Fotografie. Doch schon am Samstag zogen Besucher durch die Altstadt, durch Flingern und per Bahn bis nach Derendorf, um zu prüfen, ob Düsseldorf seinen Anspruch auf das Etikett „Stadt der Fotografie“ zu Recht erhebt. Die Fülle ungewöhnlicher Ausstellungsideen an oft kaum bekannten Orten gab trotz eines auffälligen Qualitätsgefälles eine eindeutige Antwort: ja. Und dass man stets mindestens einen Meter Abstand zu seinen Nachbarn hatte und beim Hinausgehen oft „Bleiben Sie gesund!“ hörte, war kein Nachteil: virenfrei durch die Fotoszene. Nach jetzigem Stand werden die meisten Ausstellungen weiterhin zugänglich sein.

Der Schwerpunkt lag in der Altstadt. In der Galerie Karsten Weigmann an der Mutter-Ey-Straße zeigt Klaus Mettig großformatige Farbfotografien von Brennpunkten der Welt: Delhi mit seinen neben Kühen im Freien schlafenden Menschen, Kathmandu, Havanna. Im Nebenraum erhebt sich in Schwarz-Weiß eine durch Mehrfachbelichtung verfremdete New Yorker Skyline.

Von dort gelangt man in wenigen Minuten zur Internationalen Musikakademie Anton Rubinstein an der Flingerstraße. Zwischen schwarzen Flügeln erinnern dort schwarz-weiße Filmstills von 1947 an den Film „Song of Love“, in dem Katharine Hepburn die Düsseldorfer Komponistin und Pianistin Clara Schumann als selbstbewusste, durchsetzungsfähige Frau spielt. Das Wort „Düsseldorf“ kommt darin kurioserweise nicht vor.

Weiter geht es in unserem Rundgang zu „Sauvage“ an der Bastionstraße. Dort erweitert der belgische Künstler Benoit Platéus den gängigen Fotografiebegriff, indem er fotografierte und mit Glühbirnen bestückte Gesichter von der Decke hängen lässt. Der Düsseldorfer Henning Boecker, Hirnforscher und Professor an der Universität Bonn, der den unkommerziellen Kunstraum betreibt, will damit wie der Künstler selbst ein Nachdenken über die physikalischen Grundlagen visueller Wahrnehmung provozieren (geöffnet samstags von 11 bis 15 Uhr).

Bei Setareh X an der Hohen Straße befassen sich eine Künstlerin und drei Künstler mit „Umwelten“, darunter Alexander Romey. In seinem zentralen, aus sich selbst leuchtenden Bild verbindet sich Fotografie mit LED-Technik.

Auch Annegret Soltau in der Galerie Franz Swetec an der Kasernenstraße fotografiert nicht nur, sondern reißt durch Nadelstiche fotografische Selbstporträts und damit Innenwelten auf. Anschließend vernäht sie die Verletzungen mit Nadel und Faden. So sinniert sie über Rolle und Empfinden von Frauen in der Moderne. Manche der Gesichter tragen Tiermasken, andere sind durch Chipkarten entstellt.

Von dort zur Leica-Galerie in der Kö-Galerie sind es erneut nur ein paar hundert Meter, doch zeigt sich Fotografie hier von einer anderen Seite: als Fest der Farben, das aus Kuba einen Laufsteg macht. Anatol Kotte hat in seinem technisch perfekten „Projekt Havanna“ den Besuch des Entertainers Jorge González mit Hilfe von Modefotografie ins Bild gesetzt – González, der seine Heimat vor 30 Jahren verließ.

Dann wird es auf einmal still. Im Ausstellungsraum von Martin Leyer-Pritzkow an der Grupellostraße reihen sich jeweils einfarbig blasse Fotografien von Blumenstillleben aneinander. Thyra Schmidt lässt schon durch ihre Bildtitel keinen Zweifel daran, dass diese Schnittblumen in grob gerasterten Siebdrucken in Wirklichkeit Menschen sind, die aus dem Raum im Hintergrund hervortreten.

In Flingern verliert, soweit von uns beobachtet, das Ausstellungsangebot ein wenig an Qualität, nicht aber in der Galerie Rupert Pfab an der Ackerstraße. Der Brite Steven Pippin kreist in seinen Fotografien um sein eigenes Metier. Mal schießt er mit einer Pistole durch eine Kamera und zeigt im Bild den Moment, in dem die Kamera ihr eigenes Foto zerstört. Mal steht die Kamera in Flammen, mal bannen nacheinander aus einem Pissoir auslösende Kameras den vorüberradelnden Fotografen ins Bild. Britischer Humor, gekonnt inszeniert.

Ein Höhepunkt unseres Rundgangs zeigte sich zum Schluss in Derendorf, in der Galerie Noir Blanche an der Rather Straße. Volker Marschall hat dort liebevoll eine kleine Retrospektive des heute 77-jährigen Düsseldorfer Fotografen Hans Lux zusammengestellt und ihn, den Lehrer des kürzlich gestorbenen Peter Lindbergh, durch eine Auswahl von Fotografien hinzugesellt. Der Frauentyp wandelt sich in den Porträts seit den 1960er Jahren erkennbar on Prüderie zum Selbstbewusstsein von heute. Die neuesten Bilder entstanden speziell für diese Ausstellung.

Wie man hört, sind sich die bislang noch ehrenamtlichen Veranstalter und die Teilnehmer darin einig, dass „düsseldorf photo +“ eine Fortsetzung finden und sich als Biennale etablieren soll. Ob aber die Fotografie in Nachbardisziplinen ausgreifen soll, wie es diesmal der Fall ist und wie Pfab es befürwortet, oder ob der Rundgang nach Marschalls Vorstellung auf eine reine Fotografie-Schau hinauslaufen soll, darüber wird noch zu verhandeln sein.