1. NRW
  2. Städte
  3. Düsseldorf
  4. Kultur

Andreas Gursky im Interview: Die Düsseldorfer Photoschule

Andreas Gursky im Interview : Die Düsseldorfer Photoschule

Angesichts der Foto-Ausstellung in Düsseldorf wird deutlich, dass sich Gursky von den zwei anderen Becher-Schülern Thomas Struth und Thomas Ruff längst entfernt hat. Ein Gespräch über die Perspektiven moderner Fotografie.

Bernd Becher wurde 1976 als erster Professor der neu eingerichteten Klasse für Fotografie an die Kunstakademie Düsseldorf berufen. Gemeinsam mit seiner Frau Hilla war er als Künstler schon seit Ende der 1950er Jahre damit beschäftigt, in streng dokumentarischer Weise die anonymen Industriebauten der Schwerindustrie zu fotografieren, sie für das kollektive Gedächtnis zu archivieren. Das Künstlerpaar wurde dabei anfangs belächelt, hat sich jedoch mit seiner Art der dokumentarischen Fotografie international durchgesetzt. Bernd Becher starb 2007. Seitdem führt Hilla Becher (78) die fotokünstlerische Arbeit fort.

Das Becher-Werk ist in bedeutenden Sammlungen und Museen vertreten. Genau so wie als Künstler waren sie auch als Lehrer erfolgreich. Die Becher-Klasse war eine Talente-Schmiede, eine Marke in der Kunstgeschichte, die international als "Düsseldorfer Photoschule" (mit "Ph") bekannt ist. Neben Candida Höfer gehören Thomas Struth, Thomas Ruff und Andreas Gursky zu den prominentesten Schülern - die drei Männer werden auch die "Struffkys" genannt. Wir sprachen mit Andreas Gursky über seine Entwicklung innerhalb der Fotoklasse.

Wenn man die Bilder im Kopf mit den entstandenen Fotografien - etwa die Serie Bangkok - abgleicht, was macht den Unterschied des Sehens aus?

Gursky Was ich mit meinen Fotografien abbilde, sieht man mit dem bloßen Auge nicht. Man ahnt nur etwas und entwickelt eine Vorstellung, dass etwa die Wasseroberfläche sich grundsätzlich unterscheidet von der des Rheins. Denn der Fluss Chao Praya ist ein bleierner, schmutziger Fluss.

Viele nennen Sie einen Maler. Sie bestreiten das. Nun sind die Bilder der neuen Reihe Bangkok malerischer als je zuvor. Aber Sie bleiben dabei: Es sind Fotos mit malerischen Effekten?

Gursky Es ist immer eine Gratwanderung. Das begann für mich mit den Ozeanbildern, die ja im Vergleich zu früheren Bildern extrem abstrakt sind durch ihre monochrome Leere. Jegliche Narration ist eliminiert. Bei den Bangkok-Bildern gehe ich sogar noch ein bisschen weiter, weil man sie auf den ersten Blick gar nicht als Fotografie lesen kann. Aber beim näheren Hingucken erkennt man ja unzweifelhaft eine Wasseroberfläche.

Wie würden Sie heute, 2012, den Einfluss Ihres Werkes auf die aktuelle Kunst bezeichnen?

Gursky Dadurch, dass ich mit Fotografie arbeite und ich mich sehr stark von aktuellen Zeitungsbildern leiten lasse, was die Themenwahl angeht, bin ich ein Chronist unserer Zeit. Es tauchen gesellschaftlich relevante Themen auf in meinen Bildern. Selbst bei diesen Bangkok-Bildern, bei denen man ja einwerfen könnte, was das noch mit Realität zu tun hat. Ich denke, man sollte sie als Beschreibung eines Aggregatzustandes unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit sehen. So habe ich sie zumindest benutzt und als Klammern zwischen den Themen verwendet.

Das klingt so deprimierend!

Gursky Nicht unbedingt. Ich finde, dass die Bilder auf der einen Seite durch ihre Schönheit sehr stark verführen. Gleichzeitig aber - wenn man sich überlegt, aus welchem Werkstoff sie gemacht sind - dann haben sie ein sehr reales Element, eben Wasser. Und wie es in den Megastädten unserer Zeit so ist, ist es schmutziges Wasser.

Was haben Sie von Bernd Becher gelernt, als Sie von Essen an die Düsseldorfer Akademie kamen?

Gursky Er hat einen radikalen Umbruch eingeleitet. In Essen waren wir bemüht, die Realität entfremdet, surreal, komisch und bizarr wiederzugeben. Becher hat diesen Weg komplett korrigiert, indem er gesagt hat: Die Wirklichkeit zu studieren ist viel interessanter als die Wirklichkeit neu zu erfinden. Das hat mich maßgeblich geprägt.

Wie haben Sie sich von den Bechers distanziert und emanzipiert?

Gursky Indem ich die Methodik sehr stark hinterfragt und verändert habe. Irgendwann habe ich mich dann entschieden, nicht mehr stringent vom Stativ zu arbeiten und mir irgendwelche Gegenstände vorzunehmen, um sie typologisch abzuarbeiten. Sondern ich habe mir einen spontanen Zugriff auf Realität angeeignet.

Spontan heißt: Erst mal gucken?

Gursky Ja. Und nicht direkt bewerten, die Suche der Motive nicht einem rigiden Konzept zu unterwerfen, sondern einfach mal Dinge zu fotografieren, die mir auffallen.

Man nannte Sie die Struffkys. Haben die drei Positionen von Thomas Struth, Thomas Ruff und Ihnen formal noch etwas miteinander zu tun?

Gursky Nein. Wir haben uns extrem auseinander entwickelt. Es gab in den Achtzigern bei mir Parallelen zu Thomas Struth. Wir haben eine gemeinsame Herkunft - das Studium liegt 25 Jahre zurück. So wie ich jetzt, Gott sei Dank, nicht mehr als Becher-Schüler vorgestellt, sondern als eigener Künstler wahrgenommen werde, so hat sich das auch bei den Kollegen relativiert.

Warum sind Sie 2010 an der Düsseldorfer Kunstakademie nicht Professor für Fotografie, sondern für freie Kunst geworden?

Gursky Das hat sich so ergeben, es wurde nicht programmatisch entschieden, weder von Tony Cragg, noch von der Akademie, noch von mir. Man hat mich gebeten, an die Akademie zu kommen. Ich habe keine Klasse übernommen. Ich konnte meine Schüler selbst suchen. Wenn es viele gute Fotografen gewesen wären, dann läge vielleicht der Schwerpunkt auf Fotografie.

Wagen Sie eine Hypothese! Immer wieder haben neue Bildbearbeitungstechniken die Vorgehensweise der Fotografen verändert. Thomas Ruff generiert manche Fotos komplett am Computer, ohne die Kamera zu benutzen. Was steht der Fotografie noch ins Haus?

Gursky Ich glaube, dass ich meine Grenzen ausgereizt habe. Und ich verspüre ein romantisches Bedürfnis, wieder stärker zur Fotografie zurückzukehren.

Warum romantisch?

Gursky Weil es ein romantisches Moment ist, sich mit der Kamera in die Welt zu begeben und diese abzubilden. Die Bangkok-Bilder haben mich in ein künstliches Exil getrieben, anderthalb Jahre habe ich sie am Computer bearbeitet, bis sie standen. Das ist künstlerisch betrachtet eine Durststrecke.

(jco)