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Die Düsseldorfer Buchbinderei Mergemeier unter neuer Leitung

Düsseldorfer Buchkunst : Buchbinden ist mehr als ein Handwerk

Der Wandel ist da, die Kontinuität aber soll bleiben. Die neuen Geschäftsführerinnen der Buchbinderei Mergemeier auf dem Weg in die Zukunft.

Ein Wechsel, der sich länger anbahnte und nun abgeschlossen ist: Renate Mergemeier und Anna Grassl haben sich aus der Buchbinderei und Buchgalerie Mergemeier zurückgezogen. Nach 30 Jahren der gemeinsamen Leitung übergaben sie den renommierten Betrieb für künstlerisches Handwerk an ihre langjährigen Mitarbeiterinnen Ulrike Meysemeyer und Nicole Morello. Gleichzeitig feierte die von Heinz Mergemeier 1946 gegründete Werkstatt ihren 75. Geburtstag. „Das Jubiläumsjahr schien uns geeignet für diesen Schritt“, sagt seine Tochter Renate Mergemeier. „Es wird wohl noch ein wenig brauchen, bis ich den Abschied so ganz verkraftet habe. Aber ich empfinde schon jetzt eine totale Erleichterung. Weil ich weiß, dass es auf einem guten Weg weitergeht.“

Was Ulrike Meysemeyer bestätigt: „Es ist eine Veränderung, aber eine in der Kontinuität.“ Nachdem sie bei Mergemeier zur Buchbinderin ausgebildet worden war und einige Zeit andernorts gearbeitet hatte, kehrte sie vor 20 Jahren zurück. Künftig wird sie sich vorrangig um die Werkstatt kümmern, während der Schwerpunkt von Nicole Morello auf der Buchgalerie liegt. Die Künstlerin ist Mergemeier eng verbunden, seitdem sie dort 1994 ihre ersten Bücher zeigte und später die Ausstellungsreihe „Bibliomanie“ betreute. „Wegen Corona waren wir bei der Präsentation von Künstlerbüchern stark eingeschränkt“, erzählt sie, „wir mussten notgedrungen andere Akzente setzen.“

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Also habe man gemacht, was viele machen und den Online-Auftritt weiterentwickelt. Damit wolle man verdeutlichen, dass Künstlerbücher sehr wohl noch existieren und zum Betrachten einladen. „Natürlich fehlt am Bildschirm die Haptik“, räumt Nicole Morello ein, „aber die technische Qualität ist heute so gut, dass man präzise filmen und in den Büchern blättern kann. Das geht besser als gedacht.“ Die bisherigen Leiterinnen hätten über viele Jahre so gute Künstler nach Düsseldorf geholt und so schöne Ausstellungen konzipiert. Es wäre schade, wenn diese Bücher in Vergessenheit gerieten, man könne sie durchaus noch einmal zeigen.

Renate Mergemeier berichtet von früheren Reisen in die USA, wo die Basis von Buchbindern und Papierschöpfern traditionell stark ist. „Wir haben dort viel verkauft. Die Amerikaner merkten schneller als wir, dass manche Raritäten erhalten werden müssen und gaben auch mehr Geld dafür aus. Dazu kam, dass große Bibliotheken oder bedeutende Universitäten wie Harvard und Yale riesige Sammlungen erworben haben, um die Vielfalt der Buchkunst zu veranschaulichen.“ Einige Objekte aus Düsseldorf wurden in den USA sogar für Doktorarbeiten genutzt.

In der Branche habe sich viel verändert, berichtet Renate Mergemeier. Regelmäßige Aufträge von Verlagen und damit verlässliche Einnahmen seien mit den Jahren größtenteils weggefallen. „Dafür rückte die Restaurierung als Teil des Handwerks immer weiter in den Vordergrund“, sagt sie. „Weil auch Kulturbehörden den Sinn erkannt haben, wertvolle alte Bücher und Schriften zu schützen, sind wir hier ganz gut aufgestellt.“

Die Buchbinderei ist Spezialist für komplizierte Aufträge. Namhafte Künstler vertrauen bei der Fertigung ihrer Werke auf die Kompetenz von Mergemeier. Häufig werden Anfragen von Privatkunden umgesetzt, die sich einen künstlerischen Einband oder eine raffiniert-verschachtelte Form für ihre Erinnerungen wünschen. Ulrike Meysemeyer zeigt eine Kassette, die wie ein hochwertiges Buch gearbeitet ist, vorgesehen für die Aufbewahrung von Fotografien. „Bei uns ist der Kunde in die Umsetzung seiner Vorstellungen eingebunden, Materialien, Größe und Erscheinungsbild wählen wir gemeinsam aus“, erklärt sie. „So kann er am besten spüren, welche Emotionalität dahintersteckt.“ Sie macht sich stark für ihr Handwerk: „Es geht nicht darum, einen Beruf zu erlernen, es muss ganz viel Begeisterung dabei sein.“ In 75 Jahren hat Mergemeier 69 Buchbinderinnen und Buchbinder ausgebildet, auch jetzt gerade ist ein Platz besetzt. Insgesamt aber ist der Zustrom rückläufig, auch weil immer mehr dieser Werkstätten geschlossen werden.

Nicole Morello hofft inständig auf baldige Weiterführung der „Bibliomanie“-Abende: „Ein Schriftsteller schreibt kein Buch, er schreibt einen Text. Ein Künstler trennt nie Form und Inhalt, für ihn bilden sie eine Einheit. Alles ist gleichwertig, vom individuellen Einband bis zur Gestaltung der Seiten.“