Die Choreografin Anna Teresa De Keersmaeker ist mit ihrer Kompagnie zu Gast im K 20

K 20 : Stündlich Tanz im Planquadrat

Die belgische Choreografin Anna Teresa De Keersmaeker ist mit ihrer Kompagnie „Rosas“ zu Gast im K 20. Zur Aufführung kommt das Stück „Fase“, mit dem sie 1982 berühmt wurde.

Vier gleichgroße, hölzerne Quadrate liegen auf dem Boden der Grabbe-Halle des K20. Sanft scheint die herbstliche Sonne hinein, und die Bäume des Grabbeplatzes werfen abstrakte Schatten auf die Tanzböden. In immer gleichen Bewegungen tanzen zwei Tänzerinnen – grazil und voller Konzentration. Genauso wie Steve Reichs Musikstück „Piano Phase“ sich in minimalen Variationen verändert, bewegen sich die beiden in einem sich ständig wiederholenden Muster, das sich nur um Nuancen verändert. Streng, formal und geometrisch ist die Choreographie von Anne Teresa De Keersmaeker als Pendant zur Musik. Trotzdem bleibt sie packend, denn die Tänzerinnen bringen die äußerst anspruchsvolle Choreographie perfekt auf die Museumsbühne. Und das noch bis zum 10. November stündlich.

Denn die belgische Choreografin De Keersmaeker ist mit ihrer Kompagnie „Rosas“ zu Gast im K20. Das Stück „Fase, Four Movements to the Music of Steve Reich“ vereint dabei alles was, das Werk der international gefeierten De Keersmaeker ausmacht. Strenge Ökonomie gepaart mit einem Maximum an Energie, ein sehr reduziertes Bewegungsvokabular, das mit betörender Leichtigkeit vorgetragen wird, sowie die Interaktion mit Reichs hypnotischer Minimal Music.

Mit „Fase“ (1982) wurde die damals erst 22-jährige Choreografin schlagartig berühmt. Denn dem Trend von amerikanischem postmodernen Minimalismus setzte sie Energie als dramatische Kraft entgegen. Waghalsig und weitsichtig war das, vor allem für ein Erstlingswerk einer jungen Frau, die gerade erst ihr Studium beendet hatte. Ein Jahr später brachte sie mit „Rosas danst Rosas“ einen weiteren Klassiker des zeitgenössischen Tanz auf die Bühne. 2011 sollte das Werk auch breiteren Zuschauern bekannt werden. Die Pop-Königin Beyoncé kupferte Teile der Choreografie Bewegung für Bewegung in ihrem Video „Countdown“ ab. Heute ist die in den Adelstand der Baronin erhobene De Keersmaeker eine der wichtigsten Choreografinnen, ihre Kompagnie tourt weltweit.

Fast 35 Jahre lang tanzte sie in ihren Stücken selbst mit. „Für mich ist ‚Fase‘ am nächsten zu meinem Körper, es ist quasi die verkörperlichte Abstraktion meiner selbst“, sagt De Keersmaeker. So war es ein Schock als sie sich vor rund anderthalb Jahren bei einem Reitunfall die Schulter brach. Das habe sie körperlich, aber auch mental aus der Bahn geworfen, sagt sie heute. In der Zeit ihrer Abwesenheit von der Bühne hat sie die Choreografie an jungen Tänzerinnen ihrer Kompagnie „Rosas“ übergeben. Diese werden stündlich zu den Öffnungszeiten des Museum die vier Phasen auf den vier grauen, neun mal neun Meter großen Quadraten aufführen. So entsteht in der monumentalen Museumshalle ein ganz neues Stück. Denn anstatt von einer klaren Trennung von Zuschauer und Tänzer und dem frontalen Blick wie im Theater können hier die Zuschauer um die Bühne herum laufen. Und aus verschiedenen Perspektiven die vier Stücke erfahren. Die vier Phasen der Musik von Steve Reich werden nacheinander zu jeder vollen Stunden aufgeführt.

So holt De Keersmaeker „Fase“ aus der schwarzen Box des Theaters in den „White Cube“ des Museums. Zugegebenermaßen ist das nicht neu, seit bald zehn Jahren findet der zeitgenössische Tanz auch in Museen statt. Und auch De Keersmaeker hatte bereits eine Ausstellung im Brüsseler Palais des Beaux Arts – mit gezeichneten Choreografien. Doch die choreografierte Ausstellung im K20 mit einem in seine Einzelteile zerlegtem Stück „Fase“ bespielt die Grabbe-Halle auf eindrucksvolle Weise. Dazu kommt, dass der Eintritt zu den stündlichen Performances frei ist.

Neben dem K20 ist das Tanzhaus NRW ein weiterer Spielort der Retrospektive. Hier wird am 9. November die Bühnenfassung von „Fase“ in der Version von 1982 aufgeführt. Ein Wochenende später steht dann mit „Bartók / Beethoven / Schönberg“ eine Sammlung von drei frühen Werken auf dem Programm.

Das Highlight der Schau im K20 ist für die Finissage am Sonntag, 10. November, vorgesehen. Denn dann wird die Vollbluttänzerin nach ihrem Reitunfall das Comeback geben auf der Bühne geben. Und in der Grabbe-Halle ihr so persönliches Stück „Fase“ selbst tanzen, wie sie gestern zur Freude und Erstaunen von Museumsleiterin Susanne Gaensheimer mitteilte. Doch egal, ob mit oder ohne De Keersmaeker, die Gelegenheit, diesen Klassiker des zeitgenössischen Tanzes zu sehen, sollte man sich nicht entgehen lassen.

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