Düsseldorf: Der Retter der Alltagsfotografie

Düsseldorf : Der Retter der Alltagsfotografie

In einer Ausstellung in der Konrad Fischer Galerie zeigt der Fotokünstler Thomas Ruff Bilder, die auf denen von anderen basieren.

Er ist einer der weltweit bekanntesten Fotokünstler unserer Zeit. Thomas Ruffs Arbeiten hängen in internationalen Sammlungen und sind hochgeschätzt bei Menschen, die noch die Kunst in der Fotografie suchen. Ruff bekennt sich dazu, auf die Bremse treten zu wollen angesichts der Bilderschwemme und Bilderbeliebigkeit auf Instagram, Twitter und Facebook.

Thomas Ruff, "press++11.01", 2016, C-print. Viel Rauch im Dunkel, Kondensstreifen und eine Rakete vielleicht. Foto: Thomas Ruff/VG Bild-Kunst, Bonn, 2018

Was erstaunlich ist: Bei allem Ruhm und aller Wertschätzung, die der in Düsseldorf lebende Fotograf erfährt, hat er schon bestimmt seit 15 Jahren keine eigenen Bilder mehr geschossen. Er arbeitet ohne Kamera, mit raffinierten Techniken wie Restlichtverstärker oder Invertierungsverfahren, die das Negativ ganz grün oder eben blau färben. Ruff sagt: "Der Computer ist die bessere Dunkelkammer." Seine Dunkelkammer ist schon lange bevorzugt virtuell.

Thomas Ruff, "press++70.40", 2016. Sowjet und Kommunist Nikita Chruschtschow. Foto: Thomas Ruff/VG Bild-Kunst, Bonn, 2018

In der Konrad Fischer Galerie hat er drei seiner jüngeren experimentellen Serien ausgebreitet, die den Blick auf das Foto weiten sollen, die Fragen provozieren nach der Entstehung, dem Wahrheitsgehalt und der Geschichte hinter dem Bild. Dazu setzt Ruff auf bereits vorhandenes Material, auf Gebrauchs- und Alltagsfotografie, die gar nicht mal so alt sein muss, aber immer stärker in den Schubladen der Archive und damit aus dem Bewusstsein der Menschen verschwindet. Sämtliches Material stammt von Zeitungen aus den USA. "Dort werden Archive schnell verkauft. In Europa oder Japan geht man dagegen sehr vorsichtig mit historischem Bestand um."

Auch das ist einer seiner Antriebe zu den Serien mit Pressefotos, dass er bergen will, was sonst auf dem Müllhaufen der Geschichte landen würde. "Fast alle Bilder, die mich als Kind fasziniert haben, sind heute verschwunden", sagt der 60-Jährige. "Dabei sind das teilweise großartige Aufnahmen, die nicht den adäquaten Platz in der Fotografiegeschichte gefunden haben. Ich will sie retten, indem ich sie aus dem Archiv ziehe." Tausende von Fotos hat er in der Vergangenheit schon aufgekauft oder ersteigert oder einfach nur übernommen. Seit vielen Jahren betätigt er sich als Sammler von Fotografien unterschiedlichster Herkunft: Pressebilder sind darunter, Archivaufnahmen, historische Fotografien, Reisebilder oder wissenschaftliche Aufnahmen.

Als Ausstellungshaus bietet die Galerie in der Platanenstraße ideale Voraussetzungen. Die Fischers - Galerie-Gründer Konrad (gestorben 1996), seine Frau und Nachfolgerin Dorothee (gestorben 2015) und nun Tochter Berta, die wie der Vater neben der Leitung des Galeriebetriebs künstlerisch tätig ist - brennen für ihre Künstler, die ihnen über alle Jahre in der Regel treu bleiben. Fischer gehört zu den Vätern und Mentoren der rheinischen Kunstszene, 1967 hatte er seine erste Galerie eröffnet. Bis heute ist sie mit einer erfolgreichen Dependance in Berlin eine der bedeutendsten international. Die kargen weiß getünchten Räume im Hinterhof von Flingern suggerieren Zeitlosigkeit und Andacht. Sie umrahmen die Kunst modern und klassisch zugleich. Auch ohne Scheckbuch ist man hier willkommen. Ohne Eintritt. Die Ruff-Schau jedenfalls ist unbedingt empfehlenswert.

Zu sehen, wie Ruff in der Fotografiegeschichte herumwildert, Eye Catcher aussondert, Zäsuren setzt und nach längerem Überlegen zum eigenen Werk ansetzt, das ist schon speziell, auf jeden Fall auf der Höhe der Zeit. Der Forscher unter den Struffskys wurde er mal genannt und damit in Beziehung zu seinen prominenten Mitstreitern aus der Düsseldorfer Photoschule, Andreas Gursky und Thomas Struth, gesetzt. Vielleicht ist er auch der Forscheste in seinen Ansätzen, die immer neue Experimente aufrollen, um sie in Kunst zusammenzuführen.

Bei Fischer im ersten Stock hängen die blauen Negativ-Positiv-Bilder, ein Krieger, ein Riss im Nirgendwo, ein Planet. In den Titeln liegt verklausuliert ein Hinweis auf das Motiv, "neg#jap_02" weist auf die japanische Herkunft des Kriegers hin, "neg#moon" hätte man beim Anblick der blauen Scheibe im Kosmos schnell erraten. Für diese Serien verwendete Ruff historische Fotografen als Ausgangsmaterial, diese werden auf Albuminpapier gedruckt und weisen die typisch braune Patina auf. Erst beim Invertieren, der Umkehrung der Farben, entsteht ein kontrastreicher Blauton, und die Bilder wirken wie Negative.

Im zweiten Stock dann die Pressebilder, Ruff hat das, was hinten draufgekritzelt wurde, auf die Vorderseite montiert. Dazu ausgerissene Zeitungsschnipsel. Ein Stück Foto- und Zeitungsgeschichte ist das. Das Foto war kein Heiligtum, Redakteure und Layouter gingen hin und beschnitten die Motive, was ein Gewaltakt aus Sicht eines Künstlers ist. Ganz pur hat Ruff im dritten Teil der weitläufigen Ausstellung alte Pressebilder gelassen, unmerklich zu Auflagen verarbeitet. Adolf Hitler mit Hund ist dabei und ein junger Donald Trump. Süffisant grinsend wie heute.

(RP)
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