Düsseldorf: Der Geigen-Punk ist zurück bei Bach

Düsseldorf : Der Geigen-Punk ist zurück bei Bach

Nigel Kennedy gastiert in der Tonhalle: Auf seiner Akustik-Tour spielt er Barockmusik und Jazz und verneigt sich damit vor seinen beiden großen Lehrern – Yehudi Menuhin und Stéphane Grappelli.

Nigel Kennedy gastiert in der Tonhalle: Auf seiner Akustik-Tour spielt er Barockmusik und Jazz und verneigt sich damit vor seinen beiden großen Lehrern — Yehudi Menuhin und Stéphane Grappelli.

Als rebellischer "Punk-Paganini" wurde der britische Geiger Nigel Kennedy weltbekannt. Seine Einspielung von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" von 1989 ist die meistverkaufte Klassik-Aufnahme aller Zeiten. Auch mit der polnischen Klezmer-Band "Kroke" sowie mit der Musik von Jimi Hendrix feierte Kennedy Erfolge. Nun stellt er in der Tonhalle sein Album "Recital" vor, das Kompositionen von Bach mit Musik des amerikanischen Jazz-Pianisten Fats Waller vereint. Im Interview trägt er einen grauen Jogging-Anzug, darüber ein Fußball-Trikot seines Birminghamer Lieblingsvereins Aston Villa. Neben einem Earl-Grey-Tee wird ihm das erste Altbier seines Lebens serviert.

Herr Kennedy, wie schmeckt Ihnen unser Alt?

KENNEDY Verdammt, das ist saugut! Ich wusste gar nicht, dass die Deutschen auch ein dunkles Bier haben und dass es kalt getrunken wird, nicht bei Zimmertemperatur wie unseres. Das könnte man fast einen kulturellen Durchbruch nennen. Wir sollten es importieren!

Importe für Sie waren auch zwei große Musiker, die zu Ihren Mentoren wurden: der klassische Violinvirtuose Yehudi Menuhin und der Jazzgeiger Stéphane Grappelli. Ist Ihr Programm eine Hommage an beide?

KENNEDY Ja. Yehudi Menuhin war völlig eins mit der Musik von Bach. Wenn ich in der ersten Konzerthälfte Bach spiele, und zwar ganz behutsam und in klassischem Geist, dann ist das eine Verneigung vor seinem Genius. Im zweiten Set liegt der Schwerpunkt auf der Verbindung von Violine und Gitarre. Da denkt man gleich an Stéphane Grappelli und Django Reinhardt, auch wenn ich einen viel raueren Stil habe als Stéphane. Menuhin und Grappelli waren großartige Violinisten. Das Konzert gibt mir die Gelegenheit, mich bei beiden zu bedanken.

Was war das Wichtigste, was Sie von Menuhin auf der einen und von Grappelli auf der anderen Seite gelernt haben?

KENNEDY Von beiden zusammen habe ich gelernt, dass sie grundverschieden waren. Yehudi aß Müsli und hatte einen sehr gesunden Lebensstil, während Stéphane sich mit einigen Brandys und Marihuana auf sein Spiel vorbereitete. Ich sah zwei große Musiker, die als Virtuosen einander ebenbürtig waren und erkannte zugleich: Es gibt niemals nur einen Weg.

Dann hätte der Tee Yehudi Menuhin geschmeckt und das Bier Stéphane Grappelli?

KENNEDY Genau! Und ich mag beides, yeah!

Sie selbst trinken aber nicht vor Konzerten, oder?

KENNEDY Nein, aber danach umso mehr.

Auch Menuhin war — wie Sie es heute sind — an anderen Musikstilen interessiert ...

KENNEDY Ja, er war Fremdem gegenüber sehr aufgeschlossen. Den Sitar-Spieler Ravi Shankar zum Beispiel entdeckte er, bevor die Beatles überhaupt wussten, wo zum Teufel Indien liegt.

Und was schätzten Sie besonders an Grappelli?

KENNEDY Wie gelassen er war und wie individuell. Nur ein paar Töne von ihm, und man wusste: Das ist Stéphane Grappelli. Niemand klang wie er. Er genoss das Leben und zeigte mir, dass man, wenn man Musik macht, nicht so beschissen traurig dreinblicken muss wie die meisten Vertreter der russischen Tradition. Er hat beim Spielen immer gelächelt.

Auch Sie scheinen beim Spielen klassischer Musik Ihren Spaß zu haben. Auf der CD hört man jemanden laut auflachen. Sind Sie das selbst?

KENNEDY Ja, das bin ich. Wir haben das Album in den Abbey Road Studios live eingespielt und hinterher nicht mehr bearbeitet. Die Atmosphäre war gut, und wir hatten tatsächlich viel Spaß dabei, das Bach-Zeug wie verrückt swingen zu lassen.

Was haben Bach und Fats Waller gemeinsam?

KENNEDY Sie müssen beide fantastische Pianisten gewesen sein, was sich in ihren Werken niedergeschlagen hat. Nur so ist vor allem die harmonische, aber auch die rhythmische Stärke ihrer Kompositionen zu erklären.

Wie komponieren Sie selbst?

KENNEDY Manchmal höre ich eine Melodie im Traum. Dann stehe ich mitten in der Nacht auf, gehe ans Klavier und probiere sie aus.

Und wenn Sie sich nach dem Aufwachen nicht mehr daran erinnern können?

KENNEDY Das ist auch nicht schlimm, denn für mich ist das ein Qualitätstest: Was ich mir nicht merken kann, war es nicht wert.

Was fordert Sie beim Spielen mehr, klassische Musik oder Jazz?

KENNEDY Einerseits liegt mir der Jazz näher. Andererseits aber ist es auch anspruchsvoller, Jazz zu spielen, weil man den Mitmusikern zuhören muss. Bei der Klassik dagegen kann man sein Zeug automatisch herunterspielen, wenn man es nur ordentlich geübt hat. Beethoven bleibt Beethoven und Bach bleibt Bach.

Tatsächlich?

KENNEDY Ja, klar! Die Professionalität der Musiker einmal vorausgesetzt: Wenn alle Noten richtig gespielt werden, ist die Musik auch dann noch schön, wenn das Zusammenspiel nicht auf Liebe basiert, sondern auf Hass. Das Publikum würde nichts merken. Jazz dagegen funktioniert nicht ohne gegenseitigen Respekt.

Was würden Sie tun, wenn es die Improvisation nicht gäbe?

KENNEDY Ich würde es lassen, Mann! Ohne kreatives Potenzial möchte ich nichts mit Musik zu tun haben. Da wäre ich lieber Taxifahrer.

(RP)
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