Konzert in Düsseldorf : Der famose Monsieur Jaroussky

Mit einem Programm aus Verlaine-Vertonungen trat der französische Countertenor Philippe Jaroussky mit seinem Pianisten Jérôme Ducros in der Tonhalle auf. Der Besuch zeigte, dass Abende solcher Art in Düsseldorf vermisst werden.

Dass die völlige Stille eines Publikums der Ausdruck seiner maximalen Zustimmung sein kann, erlebte der Musikfreund jetzt bei einem denkwürdigen Konzert in der Tonhalle. In der Landeshauptstadt gibt es ziemlich selten Liederabende als innigste Form kammermusikalischer Konzentration. Sie werden offenbar vermisst: Immerhin 900 Hörer füllten außerhalb irgendeines Abonnements den Saal beim Auftritt des französischen Countertenors Philippe Jaroussky.

Jaroussky erzieht sein Düsseldorfer Auditorium allerdings meisterhaft zur Aufmerksamkeit. Die französischen Lieder auf Gedichte des großen Symbolisten Paul Verlaine gleiten schier unterbrechungslos ineinander - wie ein von unsichtbarer Hand geordneter Zyklus, sozusagen Lieder einer Ausstellung. Das führt von den kunstvoll arrangierten, leicht verhangenen Zwischenwelten in Claude Debussys "Fêtes galantes" zur anspringenden, fast melancholischen Lebensfreude in Charles Trenets "Chanson d?automne", von Gabriel Faurés intensivem "Clair de lune" zur frivolen Arie aus Emmanuel Chabriers unvollständiger Opéra bouffe "Fisch-Ton-Kan".

Diese Lieder singt Jaroussky mit jener grandiosen Delikatesse, die sich auf die Kunst der Andeutung verlässt; er erzählt Lieder einzig mit der Stimme, selten mit Mimik, nie mit Pose. Er steht da wie ein gepflegter junger Herr, der seinen Körper kaum je als Instrument zu erkennen gibt, er wirkt nicht wie ein selbstverliebter Kunstbetrachter, der sich generös alter Zeiten erinnert, sondern den mitfühlenden Wiedergänger Verlaines, der in die Zukunft vorausgeeilt ist. So weht die Musik des Impressionismus und des Pariser Salons an diesem Abend durch die Tonhalle, als sei sie hier schon immer zu Hause gewesen.

Man weiß nicht, was man bei Jaroussky mehr bewundern soll: das absolut ruckelfreie Legato, das Bögen von herrlicher Tragfähigkeit spannt? Die weite Dynamik seines Timbres, das von jugendlicher Klarheit in reife Schattierungen changiert? Den formidablen Tonraum, durch den sich sein Countertenor elastisch und ohne Registerbrüche schwingt? Egal, bei Jaroussky verbindet sich alles zu begnadeter Einheit, man möchte jeden Tag preisen, an dem sich dieser Sänger noch in seiner jetzigen Form befindet, und an seiner Seite möchte man sich auch keinen anderen Pianisten vorstellen als den großartigen Jérôme Ducros, der das klavieristische Fingerspitzengefühl auf die Stufe des Sensationellen hebt. Subtiler, behänder, dienender kann man gar nicht begleiten - und das alles bei komplett geöffnetem Flügel.

Das Publikum wechselt am Ende bruchlos von der Demut in die Ovation. Ein wunderbarer Abend!

(wg)