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„Der Buddha-Teich“ im FFT Düsseldorf

Den Preußen auf den Schlips treten

Die japanische Schauspielerin Natsumi Kamada (l.) mit ihrer deutschen Kollegin Nadja Duesterberg in „Der Buddha-Teich“ im FFT. Foto: Christian Herrmann FOTO: Christian Herrmann

Das FFT zeigt mit „Der Buddha-Teich“ ein bilinguales Lehrstück über Verhaltensregeln und Missverständnisse.

Herr Motokichi will gerade den Dolch zum Harakiri ansetzen, als ihm ein Dorfbewohner ins Ohr raunt: „Das ist für die Deutschen. Du sollst nicht wirklich sterben. Nur so tun, als ob.“ Da hat Herr Motokichi noch mal Glück gehabt. Der alte Mann legt sich nun mächtig ins Zeug, denn er spielt für sein Leben gern Theater. Obendrein gefällt es ihm, die Gäste aus dem Westen zu täuschen, nachdem sie ihn zuvor wegen ihres ungebührlichen Betragens in Rage versetzt hatten.

Die Begebenheit hat sich im Detail so nicht zugetragen, gehört jedoch in den Kontext einer wahren Geschichte, die im 19. Jahrhundert in dem japanischen Ort Suita ihren Lauf nahm. Das Ereignis führte zu diplomatischen Verwicklungen zwischen Japan und Preußen, welche der japanische Regisseur Jun Tsutsui als Basis für seine neue Inszenierung „Der Buddha-Teich“ nutzte. Die Uraufführung des Werks feierte im Forum Freies Theater (FFT) Premiere und ist ein humorvolles Lehrstück über Verhaltensregeln und daraus erwachsene Missverständnisse. Tsutsui legt dabei den Fokus auf die deutsche und die japanische Kultur und versetzt deren gegenwärtigen und historischen Verbandelungen feinste Stiche.

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Zwei weitere Aufführungen

Vorstellungen Weitere Aufführungen von „Der Buddha-Teich“ gibt es am heutigen Freitag, 27. September, sowie am Samstag, 28. September, im FFT-Juta an der Kasernenstraße 6. Beginn ist jeweils um 20 Uhr.

Karten Der Eintritt kostet 18,50 Euro, ermäßigt 10,50 Euro. Karten gibt es unter 0211 87678718 und im Internet unter:
www.fft-duesseldorf.de

Auf der Bühne stehen die deutsche Schauspielerin Nadja Duesterberg und die Japanerin Natsumi Kamada an Computern. Kamada spricht nur Japanisch, Duesterberg nur Deutsch, ihre Beiträge schicken sie per Knopfdruck als Übertitel auf zwei Leinwände. Auf diese Weise verstehen sie einander, jedenfalls meistens. Die deutsch-japanische Zuschauerschaft wiederum folgt problemlos der Handlung.

Unentwegt lesen zu müssen, anstatt sich im Spiel zu versenken, kann anstrengend sein. Jedoch hat Regisseur Tsutsui die Sätze präzise ausgesucht, so dass sie wie literale Botenstoffe einem durch den Kopf flitzen und den Verstand bemühen. Das ist angenehm lebendig und gar nicht anstrengend. Zumal die beiden Darstellerinnen mit einfachsten Mitteln mimisch ganze Arbeit leisten. Auf diese Weise erfährt das Publikum, dass Deutschland über eine bemerkenswerte Kampfkunst verfügt, die im „Nase-Schnippen“ und „In-den-Hintern-treten“ ihre höchste Entfaltung findet. Dass Rituale und Floskeln in uns ohne unser Zutun eingesickert sind und es nicht böse gemeint ist, wenn wir sie gleichgültig einsetzen oder aber verweigern. Falls sich jemand dadurch auf den Schlips getreten fühlt, sorry. Japanische Faustregel: sich immer und überall entschuldigen, jedoch „nie von Herzen“, sagt Natsumi Kamada. „Die Deutschen entschuldigen sich im Gegensatz zu uns Japanern nie. Warum eigentlich nicht?“, möchte sie wissen. „Weil dann Geld gefordert wird“, erklärt Nadja Duesterberg.

So einfach ist die Sache nicht. Jemanden wahrhaftig um Verzeihung zu bitten, ist ein zwischenmenschlicher Akt, der ein hohes Maß an ethischer Verantwortung für das eigene Handeln voraussetzt. Das gilt für beide Seiten. Nur – was ist, wenn sich der eine wieder gut fühlt, obwohl die Entschuldigung des anderen bloß geheuchelt war? Ist es nicht ein bisschen wie beim Fußball, wo es darauf ankommt, dass und nicht wie der Ball ins Tor gelangt, sofern der Schiedsrichter nichts merkt?

Wie verzwickt die Angelegenheit allein innerhalb zwei unterschiedlicher Kulturkreise ist, veranschaulichen die Darstellerinnen mit der Geschichte vom „Buddha-Teich“: Der abenteuerlustige Heinrich von Preußen, Bruder von Kaiser Wilhelm II., reist häufig nach Japan. Als 17-Jähriger besucht er im Jahr 1880 den Buddha-Teich in Suita in der Präfektur Osaka. Dort schießt er Enten, obwohl deren Jagd verboten ist. Die erbosten Dorfbewohner verprügeln den Prinzen, nicht ahnend, dass sie es mit einem Mitglied der deutschen Kaiser-Familie zu tun haben. Japan und Preußen streiten über die Geschehnisse, am Ende entschuldigt sich die japanische Regierung, was wohl in die Kategorie „Der Klügere gibt nach“ gehört. Jedenfalls wird der Konflikt daraufhin beigelegt.

Die Inszenierung stellt gelernte Muster und Wertesysteme, die Kollektive miteinander vereinbart haben, gehörig auf den Kopf. Dabei wird auch subtil Kritik an politischen Mechanismen eingeflochten. „Manchmal muss man einfach mal vom Skript ablassen“, sagen Natsumi Kamada und Nadja Duesterberg. Wie zur Neutralisierung komplizierter Verständigung führen sie am Ende der Vorstellung die Debatte um Enten, Moral und Kommunikation ad absurdum – schelmisch und mit Musik. Die 80 Minuten sind wie im Flug vergangen, dank einer Inszenierung, die still vergnügt denkwürdige Impulse aussendet.