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Interview Manfred Weber: "Das Theater hat den Schock überwunden"

Interview Manfred Weber : "Das Theater hat den Schock überwunden"

Der kommissarische Intendant des Schauspielhauses über die Zeit nach Staffan Holms Rücktritt und seine Lust auf den Intendantenposten.

Herr Weber, am Wochenende hat das Schauspielhaus zwei Premieren gefeiert. Herrscht drei Monate nach dem Rücktritt von Staffan Holm wieder Aufbruchstimmung?

Manfred Weber Die Atmosphäre am Haus ist sehr konzentriert. Bei den Proben zu "Peer Gynt" und "Candide" haben alle Abteilungen mitgefiebert. Es gibt eine gemeinsame Energie.

Wie hat denn die Rückkehr von Staffan Holm als Regisseur geklappt?

Weber Die Arbeitsatmosphäre war gut. Wir hatten mehrere Aussprachen, weil sein Rücktritt für das Ensemble ein Schock war. Wir haben ihn aber überwunden. Es ist eine große Qualität des Theaters, dass es immer um die nächste Produktion und die Vorstellungen geht, darauf kann man sich konzentrieren.

Klappt denn Holms Rollenwechsel vom Intendanten zum Regisseur?

Weber Ja. Regisseur ist Staffans Beruf und seine wesentliche Leidenschaft. Ich denke, er erlebt seine Beschränkung auf das Regieführen als Befreiung. Es gab ja immer schon Intendanten, die nachher wieder Regisseur oder Schauspieler wurden.

Ist "Peer Gynt" also doch ein Stück über den Schock am Haus?

Weber Solche Zusammenhänge sind nicht so einfach, wie manche denken mögen.

Das Theater befindet sich unter Ihrer Leitung im Übergang. Eine Kommission sucht Holms Nachfolger. Ist die Arbeit am Schauspielhaus vom Warten auf den Neuen bestimmt?

Weber Im Gegenteil: Wir sind durch diese besondere Situation sehr wach und ringen um jede Produktion. Wir halten dagegen. Wir schließen bald den neuen Spielplan ab und werden versuchen, die Handschriften und das Ensemble an unserem Haus weiterzuentwickeln.

Über das Schauspielhaus hört man immer wieder zwei Beschwerden: Die Auslastung sei zu schlecht und der Spielplan zu düster.

Weber Ja, das können Sie aber von heute auf morgen nicht ändern. Mit dem Gastspiel "Kunst" oder mit der Produktion "Felix Krull" arbeiten wir dieser Stimmung entgegen.

Sind denn für das nächste Jahr populärere Stücke geplant?

Weber Sicher. Wir wollen den Spielplan besser ausbalancieren, damit das, was wir wollen, sich besser in die Stadt vermittelt.

Was wollen Sie denn?

Weber Wir müssen den Leuten wieder zeigen, dass es ihr Theater ist. Wir werden im neuen Spielplan deshalb deutliche Korrekturen vornehmen: Es wird Heiteres geben und eine Musikproduktion. Wir hoffen, damit Signale zu setzen. Aber schon in dieser Spielzeit kommt mit "Hoffmanns Erzählungen" noch eine musikalische Inszenierung heraus. Der Regisseur Markus Bothe hat mit "Figaros Hochzeit" zuvor im Kleinen Haus einen Renner inszeniert.

Gibt es nach Holms Rücktritt Auflösungserscheinungen im Ensemble?

Weber Davon kann man nicht sprechen. Staffan hat ein funktionierendes Haus hinterlassen. Manche Schauspieler werden sich neu orientieren, weil sie auf eine längere Zeit der Intendanz mit Holm eingestellt waren. Aber sie arbeiten hier am Haus konzentriert.

Mehrere Schauspieler gehen zum Ende der Spielzeit.

Weber Ja, Wechsel gehören zum Theater. Das muss man jedoch jeweils im Einzelfall sehen. Dass Aleksandar Radenkovic gehen wird, wissen wir schon seit dem vergangenen Frühjahr. Er wird jedoch dem Haus als Gast verbunden bleiben. Der Wechsel von Taner Sahintürk ans Berliner Gorki-Theater ist hingegen sicher auch der Unsicherheit geschuldet: Die Schauspieler sind plötzlich damit konfrontiert worden, dass ihre Verträge früher als geplant enden werden. Da muss man sich nicht wundern, wenn gute Leute andere langfristige Verträge, die ihnen andere Theater anbieten, annehmen müssen.

Sie haben in anderen Städten gearbeitet und sind schon seit 2000 in Düsseldorf. Was glauben Sie, braucht das Düsseldorfer Publikum?

Weber Düsseldorf ist eine Schauspielerstadt. Die Düsseldorfer haben durch alle ihre Zeiten ihre Schauspieler geliebt. Dafür muss man die richtigen Regisseure finden. Was in Düsseldorf überhaupt nicht funktioniert, ist Konzepttheater. Eine Idee einer Aufführung genügt den Düsseldorfern nicht.

Solche Stücke sind aber im aktuellen Spielplan stark vertreten.

Weber Darin besteht das Problem.

Was braucht man denn für ein solches Schauspielertheater?

Weber Zunächst einmal ein Ensemble, in dem alle Altersstufen vertreten sind. Das haben wir noch nicht. Wir sind eines der größten Schauspielhäuser, da haben wir im Ensemble in der ersten Liga zu spielen. Wir haben einen Etat von 26 Millionen und bis zu 600 Mitarbeiter, für die wir Verantwortung tragen. Und wir haben eine Tradition, der ich mich verpflichtet fühle: Wir waren eins der besten Schauspielhäuser. Und das können wir sein. Die Möglichkeiten dazu sind vorhanden.

Die Ansprüche an den neuen Intendanten werden hoch sein.

Weber Natürlich. Deshalb brauchen wir einen guten Kandidaten, und wir müssen ihm Zeit geben.

Welcher Typ Intendant wäre richtig?

Weber Auf jeden Fall ein komplexer.

Was bedeutet das?

Weber Sie können hier nicht einfach Kunst machen. Sie müssen auch die wirtschaftlichen Belange im Auge haben. Sie können diese Bereiche nicht trennen.

Muss man auch ein guter Gesellschafter sein?

Weber Jeder gute Intendant ist ein guter Gesellschafter. Gerade wenn es schlecht läuft, müssen Sie ins Rathaus gehen. Das ist entscheidend. Ein Intendant muss sich auf die Stadt freuen, ihre Mentalität lieben.

Haben Sie eigentlich Lust auf den Intendantenposten?

Weber Natürlich habe ich Lust!

Was wünschen Sie der Stadt?

Weber Es gibt ja derzeit im Rathaus eine Ausstellung zu sehen, für die Düsseldorfer Fotos von ihrer Stadt eingesandt haben. Dort kann man erkennen, wie viele Gesichter und Blickwinkel diese Stadt hat. Man muss dieses Bunte herausstellen: Diese Stadt hat viel mehr Qualitäten, als die Klischees besagen. Und sie hat ein Riesenpfund in der Kultur. Es ist wichtig, dass man das wertschätzt.

ARNE LIEB FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP/ila)