1. NRW
  2. Städte
  3. Düsseldorf
  4. Kultur

Düsseldorf: Das Leiden der Herta Müller

Düsseldorf : Das Leiden der Herta Müller

Schreiben in der Diktatur – das war auch verheerende Textarbeit: Allein drei Zensoren hatten sich am Debüt von Herta Müller, "Niederungen", zu schaffen gemacht: Beim ersten durfte kein Verb zweimal auf einer Seite vorkommen. Beim zweiten war das Wort "Koffer" verboten – weil es mit der Option des Reisens kontaminiert schien. Der dritte ließ mit weiteren Veränderungen das Buch erscheinen, aber da war es der Autorin "schon ziemlich egal". Ohnehin waren die Erzählungen bereits nach ein paar Tagen aus den rumänischen Buchläden verschwunden.

Dieses Buch markiert einen Abschnitt in der langen Leidensbiografie der rumäniendeutschen Schriftstellerin Herta Müller, der Literatur-Nobelpreisträgerin von 2009. Und wenn sie über ihr Werk zu sprechen beginnt – wie jetzt zum Abschluss der Literaturtage in Düsseldorf –, spricht sie immer auch über ihr Leben in Rumänien, ihr Überleben im Überwachungsstaat.

Schreiben in der Diktatur – das ist für Herta Müller auch ihre Arbeit in der Fabrik. Bedienungsanleitungen hatte sie ins Rumänische zu übertragen, Beschreibungen von Maschinen, die sie noch nie gesehen hatte. Wenn es für ein Wort verschiedene Bedeutungen gab, rannte sie in die Fabrik und holte sich Rat bei den Mechanikern.

Schreiben in der Diktatur – das spiegelt sich auch in ihrer tiefen Freundschaft zu Oskar Pastior wider. Mit ihm suchte sie sowjetische Arbeitslager auf, in denen der Dichter einst selbst inhaftiert war. Pastior war ein Verfolgter; aber auch einer, der in das System verstrickt war. Nach seinem Tod 2006 wurden Berichte öffentlich, die er im Auftrag und wohl unter Druck der rumänischen Geheimpolizei verfasst hatte. Herta Müller hat nachgeforscht und vier Berichte gefunden – "alle total harmlos", sagt sie. Deshalb: "Ich bin sehr glücklich, dass ich mich von Oskar in meinem Kopf nicht verabschieden muss."

Herta Müller liest auf der Bühne des natürlich ausverkauften Düsseldorfer Savoy-Theaters aus ihren Büchern, spricht von ihrem Leben, antwortet auf die Fragen ihres Weggefährten Ernst Wichner vom Berliner Literaturhaus. Kindlich stolz wird sie, als sie zum Schluss ihre Collagen vorstellen darf. Riesengroß werden sie in den Bühnenraum projiziert. Und die kleine Herta Müller steht noch kleiner davor und liest die absurden und grotesken, mal heiteren, mal beschwerlichen Verse vor. Alles aus Zeitungsschnipseln montiert, sagt sie, Sprache von anderen, Wörter von außen, die den Text unberechenbar woandershin katapultieren. Regelrecht süchtig sei sie nach dieser Collagenarbeit. Und wer das Flickwerk betrachtet, muss gleich an Bekennerschreiben denken. Diesmal aber für die Poesie. Auch das erscheint nun wie ein letzter Rest ihres Schreibens in der Diktatur.

(RP/rai)