Das K 21 präsentiert die Künstlerin Banu Cennetoglu

Ausstellung : Archivarin der Gegenwart

Die Künstlerin Banu Cennetoglu hat im K 21 Hunderte Zeitungsausgaben und andere Nachrichten des Tages zu einem Archiv verquirlt.

Anfassen, blättern, lesen, vergleichen – alles ist erlaubt. Vorsichtig sollte man dabei vorgehen. Zeitungen aus vielen Ländern der Welt wurden ausgebreitet im Museum. Besser gesagt auf der Bel Etage des Ständehauses der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Die Bände liegen auf Tischen. Aufgeschlagen. Arabische News neben solchen aus Zypern, dem Vereinigten Königreich, der Schweiz und den Kanalinseln. Im Nebenraum sind es Hunderte deutsche Tageszeitungen mit Lokalausgaben, von der Rheinischen Post alleine 25 verschiedene. Die Palette reicht, alphabetisch geordnet, von den Aachener Nachrichten bis zum Zollern-Alb Kurier.

Zeitungsleser werden hoch erfreut sein über die neue Ausstellung, die Susanne Gaensheimer im Ständehaus (K 21) zur Diskussion stellt. Programmatisch soll dieser Ausstellungsort ausdrücklich jüngere Positionen zeigen, ein jüngeres Publikum ansprechen. Selbst Menschen, die sich längst von der Tageszeitung entfernt haben, gewinnen beim Studieren Erkenntnisse. Wie hat die eine, und wie hat die andere Zeitung ein Ereignis bewertet? Was ziert den Titel, wieviel Platz wurde einer Top-News eingeräumt, wie groß ist die Schrift, wie hoch der Bildanteil? All dies ist subjektiv, gibt Auskunft darüber, wie ein Zeitungsmensch die Ereignisse der Welt  gewichtet und deutet.

Die Künstlerin Banu Cennetoglu, 1970 geboren in Istanbul, wo sie auch lebt, serviert Ungewöhnliches – eine ständig wechselnde Perspektive, einen Weltblick. Bevor sie sich für Kunst einschrieb, hat sie Psychologie und Fotografie studiert, lebte in Paris und New York. Am ehesten lässt sie sich als Konzept- und Installationskünstlerin einordnen. Neben der Zeitungs-Assemblage stellt sie ein ultralanges Video und zwei architektonische Interventionen zur Schau. Auf den ersten Blick eine ungewohnte künstlerische Position, die viele Fragen aufwirft.

Solchen Fragen sollte man sich unbedingt stellen, Führungen mitmachen, Hintergrund erforschen, denn Konzeptkunst erschließt sich meist erst auf den zweiten Blick. Sicher sein kann man beinahe ausnahmslos, dass das Programm in der Kunstsammlung ein aktuelles Weltprogramm ist. Wer in diesen Wochen Gelegenheit hat, die Biennale von Venedig zu besuchen, wird feststellen, dass viele der dort vertretenen Künstler schon einmal in Düsseldorf gastierten – nicht nur in der Kunstsammlung, sondern auch bei Julia Stoschek oder in Gil Bronners Sammlungshaus Philara.

Hoch oben über dem Zeitungslager schweben dunkelgraue Helium-Ballons, jeder bildet einen Buchstaben, das Ganze formt sich zum Satz des französischen Psychoanalytikers Octave Mannoni. „Ich weiß zwar, aber dennoch“ („Je sais bien, mais quand même“) lautet er übersetzt und spielt auf das Phänomen der Verleugnung, des bewussten Ausblendens von Fakten an. Vieles weiß man zwar und handelt dennoch nicht nach bestem Wissen und Gewissen. Auf die Wissensgesellschaft spielt die Türkin an und deren Brüchigkeit, deren medial gesteuerte Tiefen und Fallen. Die Ballons werden von Tag zu Tag dünner, am Ende wird ihnen die Luft ausgehen.

Im gleichen Raum hat Cennetoglu mit Farben die Oberlichter versehen. Immer wieder benutzt sie dieses Gelb, Rot und Grün, um eine Zäsur zu setzen. Die Farb-Trias sondiert das Licht und den Blick. Dahinter steckt die systematische Ächtung dieser Farbkombination durch den türkischen Staat in den Neunziger Jahren, da es sich um die Farben der kurdischen Flagge handelt. In jenen Jahren erwogen die Behörden sogar eine Veränderung der Ampelfarben in der kurdischen Stadt Diyarbakir.

Cennetoglus Film ist eine Aneinanderreihung von Bildern, Videos und weiterem Material von Festplatten: Privates, Allgemeines, Öffentliches, Politisches. Zwischen 2006 bis 2018 hat die Künstlerin dafür gesammelt, als Höhepunkt des Privaten fiel ihre Schwangerschaft in diese Zeit, Bilder von der kleinen Tochter sind darunter, aber auch ein ausgelassener Schwof mit dem Kurator der vergangenen documenta, Adam Szymczyk, im Vordergrund. Krass danebengestellt die Liste aller Opfer, Migrantinnen und Migranten, die an EU-Außengrenzen ihren Tod fanden. Ein ungewöhnlicher Cocktail des Lebens, ein schonungslos intimes Porträt der Künstlerin und ihrer Sozialisierung im Spiegel weitreichender politischer Geschehnisse.

Jetzt staunt niemand mehr, dass die Filmvorführung 127 Stunden, 14 Minuten und 44 Sekunden dauert. Das sind mehr als fünf Tage und Nächte. Oder rund 42 Ausstellungsbesuche in der Ausdehnung von etwa drei Stunden. Man darf gespannt sein, ob sich ein Zuschauer für das Dokument der Zeitfängerin findet, die gleichzeitig eine Archivarin der Gegenwart ist.

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