Das Forum Freies Theater zeigt „Take it like a man“: Aus Männern werden Zombies

Koproduktion mit München : Aus Männern werden Zombies

Das Forum Freies Theater zeigte „Take it like a man“ des jungen Theaterkollektivs The Agency. Der Abend in einer Garage an der Herzogstraße war das Finale eines dreiteiligen Zyklus über Männer. Das Publikum war sehr jung.

Als das Garagentor hochfährt, riecht es kernig. Ein Wildschwein dreht sich am Spieß. Robert Gallinowski schneidet das Fleisch vom Grill weg in Portionen, stopft es in Brötchen und klappert mit der Zange. „Das ist das letzte wesensechte Schwein der Region. Ein besseres kann es nicht geben. Wer will noch was?“

Der Schauspieler ist häufig im Fernsehen zu sehen. Polizeiruf, Tatort, Soko Leipzig oder Stuttgart – jedenfalls dort, wo es handfest und böse zugeht. Optisch ist er der Typ „fiese Möpp“, kommt in seinen Rollen charakterlich aber gar nicht so übel rüber. Einen echten Kerl mimt er fast immer, weswegen er als Grillmeister der ideale Türöffner für die neue Performance der jungen Gruppe The Agency ist. Das Kollektiv hat sich 2015 gegründet und ist in München und Berlin ansässig. Politische Bewegungen, wirtschaftliche Machtverhältnisse, Geschlechterfragen und die Erforschung von Identität sind die großen Themen der Gruppe. Die Zuschauer bezieht sie in ihr Spiel ein, während sie die Zukunftsszenarien unseres Zusammenlebens entwirft.

Im Forum Freies Theater (FFT) ging es jetzt um die Männer. Um solche, die früher einmal echte Kerle waren, so wie Gallinowski, und solche, denen die harte Tour noch nie behagt hat, was ihnen allerdings nichts mehr nützt. Die patriarchalen Strukturen sind so gut wie aufgelöst. So recht weiß niemand mehr, wer er ist, nur wer er einst war. „Take it like a man“ ist die dritte und abschließende Inszenierung des Werkzyklus‘ „Neue Männer*bewegung“. Premiere feierte sie in einer verlassenen Garagenanlage an der Herzogstraße.

Die Ausstattung ist rudimentär, ein weiter weißer Raum, ein paar Reifen liegen herum, in einer Ecke steht ein goldener Wagen. Die (Männer-)Welt als großzügige Gummizelle, deren Bewohner zu Zombies geworden sind. Ihre Sprache ist in Wortschwaden aufgegangen, sie holpern mehr, als dass sie reden. Schließlich jaulen und glucksen sie wie die Tiere. Nirgends ein Ich.

Die Zuschauer sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, eine Publikumsstruktur also, von der die großen Häuser nur träumen können. Sie folgen den Darstellern durch die Räume, werden von ihnen beschnuppert oder durch Gesänge angelockt, was Spaß macht. Es gibt wenig Musik, dafür kräftigen Industrie-Sound, dessen dichtes Dröhnen die Besucher durch die Garage schiebt.

The Agency hat sich für die Performance maßgeblich mit zwei Bewegungen beschäftigt: mit „Men going their own way“ (MGTOW; Männer gehen ihren eigenen Weg) einerseits und dem japanischen Phänomen der „herbivoren“, also pflanzenfressenden Männer andererseits. Beide Strömungen verbindet, grob gesagt, der Wille, sich von den Frauen loszusagen. Während die MGTOW stark antifeministisch eingestellt sind und quasi aus Wut dem Mann-Sein huldigen, verfolgen die Japaner eine spirituell motivierte Unabhängigkeit. Das muss man wissen, um zu verstehen, warum die Schauspieler, die die meiste Zeit Englisch sprechen, Worte wie „herbs“ (Kräuter) und „incels“ (involuntary celibates; unfreiwilliges Zölibat) ständig wiederholen.

Die Performer setzen im Epizentrum der Erschütterungen von Metoo, den Geschlechterrollen und politischer Korrektheit an. Daraus ein System von Mutanten zu stricken, denen die einstige Männerwelt gerade nicht wie ein verlorenes Paradies vorkommt, ist eine durchaus interessante Idee. Die künstlerische Umsetzung jedoch hakt. Die Figuren wandeln sich kaum, es entsteht kein Spannungsbogen. Keine ist so profund angelegt, dass man ihr gerne einmal für eine kleine Weile folgen möchte.

So schaut man nur aus einer Perspektive auf das Geschehen, anstatt sich von Impulsen forttragen zu lassen.

Mehr von RP ONLINE