Düsseldorf: Daniel Kehlmann liest "F" und begeistert

Düsseldorf : Daniel Kehlmann liest "F" und begeistert

Auf Einladung des Heine Hauses war der Bestsellerautor jetzt in der Kunstsammlung zu erleben. Er las und scherzte, verriet ein paar Anspielungen in seinem Roman und warum auf Lesereise kein Alkohol besser als wenig Alkohol ist.

Goethe in Düsseldorf. Noch klassischer formuliert: Goethe bei Heine. Wie auch immer: Jedenfalls ist Daniel Kehlmann auf Einladung des Heine Hauses zu uns gekommen, der spätestens seit seiner literarischen und über 2,3 Millionen Mal verkauften "Vermessung der Welt" in den Modus des zeitgenössischen Klassikers eingetreten ist. Und so kam es dann auch: Volles Haus in der Kunstsammlung NRW, viel Trubel und angespanntes Aufheben um den jetzt auch schon 38-jährigen Jungautor .

Dabei scheint weder Aufwand noch Aufmerksamkeit im rechten Verhältnis zum Titel des neuen Werkes zu stehen, der denkbar kurz einfach nur "F" heißt — so, als wolle man einfach nur ein bisschen Luft ablassen. Doch "F" kann vieles bedeuten, zumal zur Vervollständigung des vermeintlichen Wortes so gut wie alle Buchstaben fehlen. Wer aber "F" als Fiktion und Fälschung übersetzt, liegt nicht so ganz falsch. Schließlich geht es in der verzwickten Geschichte eines schriftstellernden Vaters und seiner drei Söhne um nichts anderes als um Lug und Trug. Und so hören wir eine Episode zum Beispiel von Martin, der Priester geworden und dem es dennoch nicht gelungen ist, an Gott zu glauben. Seinen Dienst im Beichtstuhl verrichtet er dementsprechend pflichtgemäß, und die Not, die er tatsächlich empfindet, ist diese: seinen Zauberwürfel nicht in Rekordzeit lösen zu können.

Kehlmann liest dezent, er weiß um die Pointen, kennt die Effekte, die im Text gesetzt sind und die für ihre Wirkung nicht zusätzlich gewürzt werden müssen. Martin sei für ihn übrigens die schwierigste Figur von allen gewesen, wie er im Gespräch mit David Eisermann sagte. Zumal er lange Zeit gar nicht gewusst habe, dass Martin Priester werde. Zudem sei er kein richtiger Fälscher, eher eine Art Heuchler. Ob man das darf. "Solange es noch Priester gibt, so lange wird es wohl auch dieses Problem geben", sagt er.

Weil Eisermann auf eine Einführung verzichtete und das Publikum stattdessen bat, bei Bedarf und Interesse die wichtigsten Kehlmann-Daten doch eben schnell auf dem iPhone zu googeln, erfuhr die Gemeinde mehr aus erster Hand. Dass Kehlmann sich mit einem DVD-Kursus das Wissen über Blitz-Hypnose aneignete — die dazu passende Szene gab es auch zu hören; wie er als kleiner Junge seinen Vater Drehbücher für Eugen-Roth-Verfilmungen diktieren hörte und so schon früh von der Entstehung einer Geschichte und der Verwandlung großer Literatur verzaubert wurde. Die schreibt Kehlmann — ob er es nun hören oder glauben will oder auch nicht — mittlerweile selbst.

Und für jene strengen Kanon-Hüter, denen der Ton bisweilen zu gefällig und das Auftreten des Autors zu geschmeidig und arg professionell erscheint, gibt es in "F" ein paar kleine Querverweise durchs eigene Werk sowie dezent literaturhistorische Anspielungen wie diese: natürlich zur Sage der Tafelrunden-Ritter mit Papa Arthur und den Zwillingen namens Eric und Iwan; manche hat der gediegene Romananfang an Tolstois berühmten Einstieg von "Anna Karenina" erinnert; und Kehlmann selbst verwies auf seine Nebenfigur, den verstorbenen, einst neoklassizistisch malenden Künstler Eulenböck. Der aber ist als Maler und Weinkenner schon in Ludwig Tiecks (1773—1853) Novelle "Die Gemälde" aufgetreten und aus der Romantik zu uns herübergewandert. Wer das erkennt, wird bestimmt seine Freude haben. Aber man müsse das alles gar nicht wissen, wenn man "F" lese, beruhigt Kehlmann und erteilt seiner Leserschaft die literarische Absolution.

Am Rande seines Auftritts dann noch ein paar Worte zum Wesen der Lesereise, zu den Anstrengungen, den paar Freuden, den Beschwerden des kleines Sohnes daheim in Berlin, der seinen Vater bestenfalls in Zeitungen zu Gesicht bekommt. Wie man das ordentlich durchhält? Kehlmann hat ein neues Rezept. So hat er die Erfahrung machen müssen, dass für die Bewältigung des nächsten Tages kein Alkohol tatsächlich viel besser sei als nur ein klein wenig Alkohol. Doch als er die mehr oder weniger entsetzten Gesichter um sich herum erblickt, kommt direkt die Einschränkung dieser grauen, entsagungsreichen Erkenntnis: Um Gottes Willen, auf keinen Fall wollte er irgendetwas gegen den Genuss von Wein sagen. Also doch ein bisschen Goethe. In Düsseldorf. Oder bei Heine. Wie auch immer.

(RP)
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