Gebärdensprachsolistin in Düsseldorf: "Damit das klar ist, ich bin stocktaub"

Gebärdensprachsolistin in Düsseldorf : "Damit das klar ist, ich bin stocktaub"

Die Gebärdensprachsolistin Christina Schönfeld steht derzeit in Helmut Oehrings "SehnSuchtMeer" auf der Bühne im Opernhaus. Sie ist seit frühester Kindheit taub, wollte aber immer auf die Bühne. Ihre Rolle hebt sich von anderen ab.

Schnellen Schrittes kommt sie ins Restaurant und schaut sich suchend um. Sie einfach herbei zu winken, wäre unhöflich. Also besser auf sie zugehen und deutlich artikulieren: "Sie sind Christina Schönfeld!" Die dunkelhaarige Frau nickt und lächelt. Sie streift sich ihre Kapuze vom Kopf und schüttelt die Schneeflocken ab.

Mit flinken Bewegungen wendet sie sich dem Mann hinter ihr zu. "Ich konnte gerade gut von Ihrem Mund ablesen, was Sie gesagt haben", übersetzt Uwe Schönfeld. Er ist der Dolmetscher seiner im frühen Kindesalter ertaubten Frau, die derzeit als Gebärdensprachsolistin eine Hauptrolle in "SehnSuchtMeer" im Opernhaus hat.

Die Auftragskomposition von Helmut Oehring verknüpft Musik aus dem "Fliegenden Holländer" von Richard Wagner mit Texten von Heinrich Heine und anderen — wie Hans Christian Andersen und dessen Märchen von der Kleinen Meerjungfrau. Christina Schönfeld bewegt sich in diesem kunstvoll verwobenen Kosmos als eine Art "innere Stimme" von Senta (Manuela Uhl), beide tragen die gleichen Kostüme. Dann wieder taucht sie als melancholische Meerjungfrau auf. "Das bin eigentlich ich", lässt sie wissen. "Wie sie, deren Umfeld das Wasser ist, lebe auch ich am Rande der Gesellschaft. Wie sie habe auch ich ein Bedürfnis nach Kommunikation und scheitere immer wieder an Barrieren. Ich wünschte, es wäre leichter, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen."

Energisch setzt sie mit funkelnden braunen Augen hinzu: "Damit das auch wirklich klar ist, ich bin stocktaub. Es dringt kein Laut zu mir."

In der Inszenierung von Claus Guth sind Christina Schönfeld eindringliche Bilder zu verdanken. Wenn sie am Anfang langsam aus dem Hintergrund der Bühne ins Licht tritt und ganz zum Schluss wieder im Dunkel verschwindet, strahlt sie mit ihrem bloßen Dasein eine eindringliche Präsenz aus. Zumeist aber befindet sie sich inmitten des Ensembles. Schwer vorstellbar, wie sie sich zurecht findet in dieser von höchster Präzision bestimmten Aufführung.

Bei Sängern, Orchester und Schauspielern geben Musik und Worte den Einsatz vor. Woran aber orientiert sich jemand in einer tonlosen Welt? Christina Schönfeld antwortet geduldig. "In der Partitur steht genau, wann ich dran bin und was ich tun muss. Ich präge mir meine Position in jeder Szene ein. Manchmal achte ich auf den Hinweis des Dirigenten, dann wieder auf Gesten meiner Mitspieler oder Lichtwechsel."

Die Begegnung mit dem Komponisten Helmut Oehring lenkte vor mehr als zwei Jahrzehnten ihr Leben in neue Bahnen. Als Sohn ertaubter Eltern kannte er Uwe Schönfeld, den Leiter des Gehörlosenzentrums in Potsdam. Dort suchte Oehring nach Darstellern für ein Musikprojekt und traf auf Christina Schönfeld.

Sie hatte zunächst den Beruf der Zahntechnikerin erlernt. "Aber nur, weil es kaum Möglichkeiten für eine Ausbildung gab", erklärt sie. "Seit jeher zog es mich auf die Bühne." Wie dieser Traum zu realisieren wäre, wusste sie nicht. Stattdessen beschloss sie, Lehrerin werden. Doch kurz vor dem Abschluss verließen die Schönfelds via Ungarn die DDR. Zwei Monate später fiel die Mauer.

Nie riss die Zusammenarbeit mit Helmut Oehring ab. Gemeinsame Projekte führten die Gebärdensprachsolistin quer durch Europa. "In südlichen Ländern gelingt der Kontakt mit den Menschen leichter", sagt sie. "Sie haben eine lebhaftere Körpersprache." Daneben ist Christina Schönfeld mit dem Pantomimen-Ensemble und dem Deutschen Gehörlosen-Theater unterwegs. Sie realisierte eigene Filmproduktionen und arbeitet als Leiterin und Dozentin des Zentrums für Kultur und visuelle Kommunikation in Berlin/Brandenburg.

"SehnSuchtMeer" sei vielleicht nicht ihr größtes Projekt, aber sicher eines der anspruchsvollsten. Oehring stellte sie dabei vor das Problem, kurze Passagen "sprechen" zu müssen, obwohl es seltsam klingt und sie ihre eigenen Worte nicht hören kann. "Viele Gehörlose glauben, mit der Stimme gäbe man seine Identität ab. Auch ich hatte das Gefühl, einen Verrat zu begehen. Doch dann sagte ich mir, es ist die Bühne, nicht das reale Leben." Übermorgen steht die nächste Aufführung an. "Ich habe Herzklopfen. Mein Ehrgeiz ist es, perfekt zu sein. Um zu zeigen, zu welcher Leistung wir Gehörlosen fähig sind."

(RP/ila)
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