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Düsseldorf: Chronistin der Kunstszene

Düsseldorf : Chronistin der Kunstszene

Erika Kiffl ist als Fotografin Autodidaktin. Ihr Werk überspannt die unruhigen Jahrzehnte. Am Freitag wird sie 75 Jahre alt.

"Ich komme aus den böhmischen Wäldern und bekenne mich zum mitteleuropäischen Kulturkreis". So oft man Erika Kiffl in der Kunstwelt, auf Vernissagen, in Ateliers, bei Preisverleihungen auch angetroffen hat - das hat sie nie zuvor erzählt. Vielleicht liegt der resümierende Blick, die grundsätzliche Verortung an ihrem Alter. Morgen wird die in Karlsbad geborene Fotografin mit österreichischem Pass, die 1951 aus familiären Gründen nach Düsseldorf "zwangsversetzt" wurde und seitdem hier lebt, 75 Jahre alt. Ein Anlass, auf die Irrfahrt ihres Lebens zurückzuschauen und auf der anderen Seite die Kraft der Künstlerin herauszuschälen.

Sie ist ein Glücksfall für die Kunststadt, die Künstlerschaft, die Akademie, deren Rundgänge sie früher alljährlich dokumentierte. Ihre Fotografien werden vielleicht (noch) nicht bei Christie's gehandelt, aber für den Aufbruch, die Geschichte der Nachkriegskünstler - insbesondere in Düsseldorf - sind ihre Arbeiten kostbare, formal strenge und ästhetisch ansprechende Zeitdokumente. Seit elf Jahren ist Kiffls fotografischer Schatz neben anderen im Afork aufgehoben, dem Archiv künstlerischer Fotografie der Rheinischen Kunstszene im Museum Kunstpalast. Bis heute hat sie 8000 Negative mit ihrer Rolleiflex aufgenommen, vor fünf Jahren hat sie damit aufgehört.

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Die hochgewachsene Frau mit stahlblauen wachen Augen tritt leise auf, als Beobachterin, die gerne am Rande bleibt. Anders hätte sie ihre eindringlichen Bilder aus den Künstlerateliers gar nicht zustande gebracht, sie hätte die Künstler ja nur gestört. Gerhard Richter war damals in Düsseldorf der Erste, den sie im Atelier bei der Arbeit ablichtete - es sind ihre einzigen Fotos in Farbe, und es sind ihre wichtigsten Bilder. Erst vor acht Jahren hat sie diese 1964 entstandenen Serien veröffentlicht. Sie zeigen den heute unbezahlbaren Künstler beim Malen seiner "Diana". Markus Lüpertz, Konrad Klaphek, Günther Uecker, die Bechers und Fischers - oft sind aus den Bekannten gute Freunde geworden, man fuhr zur ZERO-Zeit gemeinsam in klapprigen Wagen zu den ersten wichtigen Ausstellungen in Amsterdam. "Wir waren damals alle sehr arm, oft haben wir auch nur Blödsinn gemacht", erzählt Kiffl. "Deutschland war eine Miefbude mit Sissi im Fernsehen und Peter Kraus auf der Bühne. Adenauer war für Deutschland das Beste, aber für uns Künstler schlimm. Hier in Düsseldorf vollzog sich ein Aufbruch."

Durch die Vernetzung mit den Künstlern und der Akademie wurde in Erika Kiffl ein eigenständiger Impuls wach. Zuvor hatte sie nach der mittleren Reife alles Mögliche gemacht, Gebrauchsgrafik in Krefeld und zwei Semester an der Düsseldorfer Akademie studiert. Sie hatte ihr Geld als Mannequin und Model verdient und bei der Modezeitschrift "Elegante Welt" als Layouterin gearbeitet. Dabei gingen ihr Fotografien von Richard Avedon oder Helmut Newton durch die Hand, auf die sie stark reagierte. 1964 nahm sie ihr erstes eigenes Foto auf. Motiv war der Bahnhof Rolandseck.

Mit 37 geriet die alleinlebende Frau in die Midlife-Krise, in der sie sich wie viele ihrer durch Flucht und familiäre Verluste geprägten Generation fragte: "Soll das alles gewesen sein?" Der kürzlich verstorbene Maler Gotthard Graubner lieferte ihr das Stichwort. Sie hatte ihn aufgesucht in einer Halle, in der Bilder für die Documenta entstanden. Wenn die Stadt ihm diese Halle nicht gegeben hätte, hätte er nicht an der Documenta teilnehmen können. Das habe er ihr gesagt. Und sie habe begriffen, dass man sein Schicksal in die Hand nehmen muss.

"Die Gefährten von einst haben Weltkarriere gemacht, sie sind nicht mehr arm wie ich, aber Freunde geblieben." Heute interessiert sich Kiffl für jüngere Künstler, mit denen sie sich austauscht. Sie hat ihre Nische im Kunstbetrieb besetzt, man achtet sie: 2015 gibt es eine Einzelausstellung im Museum Kunstpalast. Ihr Leben verläuft strukturiert, sie geht am Rhein spazieren, sucht als "dem Analogen verhaftete" Frau ohne Computer oft die Bibliothek auf, um Zeitschriften zu lesen. Weihnachten wird sie wie jeden anderen Tag im Jahr verbringen, denn "ich bin ein totaler Einzelgänger". Das Leben war nicht immer leicht, sagt sie, und doch empfinde sie Lebensfreude. Sie wünscht sich klaren Verstand und Gesundheit, will noch viele Schlachten schlagen mit widerspenstigen Kuratoren, sagt sie. "Mein Werk ist zu 90 Prozent aus dem Widerstand entstanden."

(RP)