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Choreografin Katja Heitmann will ein Archiv aus Bewegungen anlegen.

Projekt im Tanzhaus NRW : Wie sich Düsseldorf bewegt

Choreografin Katja Heitmann und ihre Tänzer möchten ein Archiv aus den alltäglichen Bewegungen vieler Menschen anlegen.

Naserümpfen, Mundwinkel zur Seite ziehen, mit den Augen zucken – all das sind kleine und vom Menschen oft unbewusst ausgeführte Bewegungen. Im Alltag erscheinen sie nebensächlich und belanglos. Nicht für Choreografin und Bewegungsforscherin Katja Heitmann, die den persönlichen Körperlichkeiten der Menschen eine Ausstellung widmen möchte. Mit „Motus Mori“, aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet das so viel wie „aussterbende Bewegungen“, legt sie ein Bewegungsarchiv für die Stadt Düsseldorf an.

Heitmann möchte so eine alternative Form der Geschichte schreiben, die weder in Büchern noch digitalen Plattformen zu finden ist. Sie hat viel Zeit in Archiven verbracht und festgestellt, dass sich unsere Gesellschaft auf Daten, Zahlen und Fakten konzentriert, also die Objektivität der Menschheit festhält. Mit ihrem Bewegungsarchiv gibt sie dem Subjektiven Raum, indem sie die Geschichten erzählt, die in den Körpern der Düsseldorfer gespeichert sind.

Praktisch sieht das so aus: Gemeinsam mit ihren sechs Tänzern sucht Heitmann nach Düsseldorfern, die ihre Bewegungen „spenden“ möchten. Zunächst wird ein einstündiges Bewegungsinterview geführt, in dem einer der Tänzer untersucht, wie der Körper des Teilnehmers aufgebaut ist, wie er sich bewegt, welche Erinnerungen und Eigenschaften er bereit hält. Aus dem gesammelten Material komponieren die Tänzer sogenannte Bewegungsporträts, die sie in ihren Körpern bewahren und auf der Bewegungs-Ausstellung erlebbar machen.

Alle Düsseldorfer können Teil der Ausstellung werden. „Man braucht nur einen Körper“, sagt Heitmann. Je diverser, desto besser. „Wir möchten die Stadt so repräsentieren, wie sie wirklich ist“. Das Bewegungsinterview muss nicht alleine geführt werden, Familien, Freunde, Geschwister und Menschen in anderen Konstellationen können auch gemeinsam teilnehmen.

Zum dritten Mal legt die in den Niederlanden lebende Künstlerin ein Bewegungsarchiv an, zuvor in den Städten Maastricht und Eindhoven, und jetzt erstmals in Deutschland. Jede Ausstellung sei anders, sie lerne immer Neues dazu. So konnte sie in den Interviews beobachten, dass sich die Bewegungen von einzelnen Personen von denen in Gruppen unterscheiden. „Da ist eine andere Dynamik drin. Das Bezugsverhältnis verändert sich, weil sie auf die Bewegungen der anderen reagieren“, erklärt Heitmann. Als sie zum Beispiel drei Schwestern und ihre Bewegungen dokumentierte, sei ihr aufgefallen, dass sich die Älteste immer in minimalem Abstand zu den jüngeren beiden Schwestern befand, die dicht beieinander saßen. Sie fragte nach und fand heraus, dass sie sich in ihrer Kindheit ein Bett teilen mussten. Die älteste Schwester lag in der Mitte mit dem Kopf am Fußende, während die jüngeren am Kopfende schliefen. Diese subtilen und kleinen Bewegungen können, wenn sie wahrgenommen und analysiert werden, tiefe Emotionen in den Teilnehmern auslösen. „Wir sind keine Psychologen, aber unsere Arbeit beschäftigt sich mit den Bewegungen, die ja auch mit der Psyche zusammenhängen“, sagt sie.

Auf die Idee, ein Archiv der Bewegungen anzulegen, ist Heitmann gekommen, als sie sich auf dem Weg zum Supermarkt plötzlich umentschied und ruckartig umdrehte. Sie wurde von einem Polizisten angesprochen, der diese Bewegung für verdächtig hielt. Auch Sicherheitssysteme und Kameras würden plötzliche Drehungen identifizieren, erzählte er ihr. „Wenn die Kontrolle von bestimmten Bewegungen in Zukunft zunimmt, können sie tatsächlich aussterben“, sagt sie.