Carlo Schröter, Betreiber des Spoerri, lebt bis heute in Düsseldorf.

Besuch beim „Spoerri“-Betreiber Carlo Schröter : Python, Hammelhoden und Termiten

Das Restaurant Spoerri schloss vor fast 40 Jahren. Dennoch hallt der Ruf des Lokals, in dem Essen als Kunst interpretiert wurde, bis heute nach. Carlo Schröter hat das Spoerri zusammen mit Daniel Spoerri betrieben. Er lebt bis heute in Düsseldorf. Ein Besuch.

Ein wuchtiger Backsteinbau im Stadtteil Grafenberg. „Vierte Etage“ sagt Schröters Frau Doris durch die Sprechanlage. Oben grüßt ihr Gatte im eidottergelben Pulli und mit verschmitztem Lächeln. An den Wohnzimmer-Wänden wird die Zeit des Restaurant Spoerri in Fotos, Kunstwerken und Erinnerungsstücken lebendig. Die Wohnung des Ehepaars, das sich beim Ballonfahren kennengelernt hat, wirkt fast wie ein Museum. Gegenüber der Sitzecke: die Arbeit „Pinselstrich“ des US-amerikanischen Pop-Art-Künstlers Roy Lichtenstein. „Aus Lebkuchen“, bemerkt Schröter. Auch viele andere Kunstwerke im Raum sind aus Lebensmitteln entstanden. In einer gläsernen Vitrine steht ein etwa kniehoher Daumen aus gehärteter Bonbonmasse von dem französischen Künstler César. An der Wand prangen kunterbunt eingefärbte Baguette-Scheiben von Antoni und Dorothée Selz-Miralda. Und in einem hölzernen Kasten gleich neben dem Türrahmen entdeckt man eine Damen-Sandalette, aus der Daniel Spoerri Brotteig quellen ließ.

Für Schröter waren die 13 Jahre, die das Restaurant Spoerri existierte, die beste Zeit seines Lebens. „Da ist einfach am meisten passiert“, sagt der heute 84-Jährige, bevor wir unseren Rundgang durch die private Ausstellung in der Küche fortsetzen. Auch dort ist die Vergangenheit allgegenwärtig: Die Tischplatten, auf denen die Schröters bis heute ihre Mahlzeiten einnehmen, sind Originale aus dem Spoerri. Darüber an der Wand: eine Collage von Francois Morellet, Kaugummi-Streifen auf schwarzer Leinwand. Um das Werk, das vor fast 50 Jahren entstand, entbrannte im Jahr 2010 ein aufsehenerregender Rechtsstreit: Eine ehemalige Kunst-Studentin, die seinerzeit im Auftrag von Morellet die Arbeiten angefertigt hatte, klagte auf Urheberschaft mehrerer Werke. Die Klägerin argumentierte, sie habe die Kaugummis nicht wie von Morellet vorgegeben zerkaut, sondern nur angebissen. Das Gericht wies ihre Klage ab.

Nach Düsseldorf verschlug es Carlo Schröter wegen eines Jobs: Er arbeitete für die Glasmalerei Derix, die bis heute ihren Sitz im Stadtteil Kaiserswerth hat. Zuvor hatte er in seiner Schweizer Heimat eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Lust, im Büro zu versauern, verspürte er allerdings nicht. Stattdessen verdiente er sein Geld unter anderem als Buttertester für die Schweizer Käseunion. In Düsseldorf lernte Schröter seinen Landsmann Daniel Spoerri kennen. Spoerri war in der Stadt am Rhein bereits bestens vernetzt. Als Gabriele Henkel im Landhaus der Familie in Ratingen-Hösel ein großes Bankett plante, konnte Spoerri sie davon überzeugen, das dazugehörige Essen von Künstlern gestalten zu lassen. Das könnte der Beginn der Eat Art gewesen sein. Für das Bankett bemalte Roy Lichtenstein Pfefferkuchen mit Lebensmittelfarbe. Dieter Roth fertigte einen Kopf aus Schokolade. Selbst die Vögel gingen nicht leer aus. Für sie wurde eine Büste aus Vogelfutter geformt. Schröter war bei all dem, wie er selber sagt, „ausführende Behörde“. Und Henkel hat ihn nachhaltig beeindruckt: „Sie war die tollste Frau, die ich je kennengelernt habe.“

Als das Henkel-Bankett vorbei war, hatten Spoerri und Schröter noch jede Menge Schabernack im Kopf. 1968 eröffneten sie am Burgplatz 19 einen Ort, an dem sie in den folgenden 13 Jahren jede Verrücktheit ausleben sollten: das Restaurant Spoerri. Das Lokal wurde neben dem „Creamcheese“ innerhalb von kürzester Zeit zur der Anlaufstelle für die Düsseldorfer Kunstszene. Joseph Beuys ging hier ebenso ein und aus wie die Mitglieder der Zero-Gruppe, Uli Wickert schaute vorbei, der Galerist Alfred Schmela sowie Gabriele und Konrad Henkel. Schröter bestückte die Speisekarte des Restaurants mit ständig wechselnden Exoten. Elefantenrüssel, Seidenraupen, Hammelhoden, Termiten oder Bärenfleisch. Bei einem Delikatessen-Händler in Paris bestellte er sechs Portionen Python („Die waren sehr schnell weg“). Der Löwenpark Gelsenkirchen lieferte Löwen, und das schwedische Königshaus schickte zwei Elche. Die blauen Tischplatten wurden, wenn die Gäste fertig gespeist hatten, mit sämtlichen Spuren des Essens – Lebensmittelreste, volle Aschenbecher, Besteck und so weiter – einfach abgeräumt. Im Anschluss fixierten Kunststudenten die Reste des Mahls mit Leim und Konservierungsstoffen und versahen das Ganze mit einer Hülle aus Plexiglas. Die dreidimensionalen Stillleben, genannt Fallenbilder, verkaufte dann Hete Hünermann, die Schwester von Gabriele Henkel, in der Galerie über und später neben dem Restaurant.

Man könnte Schröter ewig so zuhören. Und er könnte ewig weitererzählen. Weil er einen guten Tag erwischt hat. Weil das Spoerri die beste Zeit seines Lebens war. Irgendwann war aber trotzdem Schluss mit Python, Elch und Hammelhoden. Der Vermieter kündigte eine drastische Mieterhöhung an. Und vom Ordnungsamt, dem das Spoerri mindestens suspekt war, kamen ständig neue Auflagen. Schröter hatte „die Schnauze voll“. 1981 beendete er das Kapitel Spoerri einfach über Nacht. Geld habe er ohnehin mit dem Restaurant nie verdient. Aber darum ging es auch nicht. Sondern um Kunst. Um Selbstverwirklichung. Und um großen Spaß.

Mehr von RP ONLINE