Premiere im Schauspielhaus: Büchner als moderner Wutbürger

Premiere im Schauspielhaus: Büchner als moderner Wutbürger

Regisseur Falk Richter stellt im Großen Haus in Düsseldorf eine Textperformance zur Diskussion mit sieben herausragenden Schauspielern. Auf der Folie von verschiedenen Büchner-Texten attackiert und seziert er aktuelle politische Ereignisse im Umfeld der Finanzkrise.

Es gilt das gesprochene Wort. Von Beginn an wird in Falk Richters neuer Produktion für das Düsseldorfer Schauspielhaus geredet. Ohne Pause, atemlos bis zum Ende nach eindreiviertel Stunden. Die Frauen und Männer rezitieren, zitieren, politisieren, sie schwingen kämpferische Parolen, sie bekennen, sie schreien. Und sie verzweifeln. Textperformance nennt man so etwas, das selten als Theaterabend angeboten wird, weil es ein Projekt ist, das vor allem die Gedanken bewegt, den Kopf mit Denken und Kombinieren beschäftigt.

Eine Geschichte wird nicht erzählt. Der Abend bezieht sich auf Büchner, lässt dessen Schriften auf die aktuelle Krise prallen. Regisseur und Autor Falk Richter birgt das revolutionäre Potenzial von vor mehr als 175 Jahren und will klarmachen: Die Verhältnisse haben sich nicht geändert, nur die Vorzeichen und die Namen der handelnden Mächte. Diese Versuchsanordnung im weit geöffneten Bühnenraum ruft ein Vormärz-Klima im Jahr 2012 aus angesichts von Rettungsschirm, Bankenmisswirtschaft, Wutbürger-Demonstrationen, Occupy-Bewegung, Verarmung, Vereinzelung und Angst.

So wuchtig wie dies alles klingt, ist auch die Inszenierung geraten, in der die Worte und Sätze von herausragenden Schauspielern durch den ruhelosen Raum geschleudert werden. Richter setzt die Akteure der weit geöffneten Theatermaschine aus, sie sind Getriebene des Räderwerks. Das Auge des Zuschauers findet keinen Halt, weiß nicht, ob es vorne an den redenden Mimen hängen bleiben oder den Hintergrund durchsuchen soll.

Bei den angeschlagenen Tempi könnte sich leicht ein Schwindelgefühl einstellen, irgendwann synchronisieren noch dazu Metronome in unterschiedlichem Taktmaß die vorhandenen Beats. Klar ist: Die Welt ist aus den Fugen. Die sparsamen Sounds von Ben Frost setzen wummernde Bässe, die Bühnenrückwand wird von Videoeinspielungen beherrscht. Da rasen Zeitanzeigen in tausendstel Sekunden, es werden Bilder vom Gehirn-CT eingespielt und schließlich Videoschirme herabgelassen, auf denen Katastrophen zu sehen sind — so wie wir das alle oft erleben.

Das Stück ist eine Zumutung. Falk Richter, der zuletzt mit Houellebeques "Karte und Gebiet" in Düsseldorf überzeugte, geht mit "Büchner" völlig andere Wege. Er hält den Schriftsteller für den relevantesten deutschen Klassiker. Und er setzt mit seiner Paraphrase da an, wo Heiner Müller 1985 den Begriff "Die Wunde Woyzeck" in die Welt setzte. Der damalige Büchner-Preisträger deutete in seiner Dankesrede den an sich guten Menschen in seiner charakterlichen Disposition und existenziellen Diskriminiertheit als komplexe Metapher für gesellschaftspolitische Strukturen der Abhängigkeit und Ausbeutung. Woyzeck stellt in dieser geweiteten Begrifflichkeit eine Wunde dar, die nie heilt.

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Woyzeck ist für Richter ein Unterschichtheld, der gehetzte, unterdrückte Mensch, der sich alles gefallen lässt, bis der Druck so übermächtig wirkt, dass er im Rausch einen Mord begehrt. Woyzeck zur Seite stehen weitere Protagonisten: Lenz, die Revolutionäre St. Just und Danton — alle vier auf ihre Weise extreme Figuren der Weltliteratur.

Das Sprechen der Schauspieler ist einziges Thema der dramaturgischen Anlage, nur selten wird gespielt, dann umfangen sich Menschen in beinahe kindlich-sexueller Anwandlung, ein Mord geschieht. Der Schauspieler Aleksandar Radenkovic bricht einmal aus dieser Hermetik aus. Er baut mit einer Liegestütz die Brücke zwischen Bühne und Publikum, verlässt den Chor der revolutionären Parolen, das aufrührerische Tremolo und vertritt eine Mainstream-Position, der sich im Publikum sicher alle gerne anschließen mögen.

Wer Büchners Werk und dieses Manuskript nicht kennt, dürfte bei den Sprüngen überfordert sein. Der Abend hebt an mit der "Lenz"-Novelle. Xenia Noetzelmann trägt expressiv vor — per Mikrofon verstärkt. Dann gerät die Bühne in Aufruhr. Wir sind bei "Woyzeck", dem Herzstück. Thomas Wodianka gibt ihn in einer interessanten Zerrissenheit. Judith Rosmair erzählt ein Märchen mit ausländischem Akzent. Die Sprache wird immer wieder anders intoniert, was der Kolorierung der Charaktere dient. Falk Richter hat eigene Text-Passagen eingewebt. Plötzlich sind wir bei Merkel und Berlusconi, bei katholischen Priestern, UBS und Heidi Klum. Dann kommt eine drastische Afrikageschichte zum Tragen — ist das jetzt Publikumsbeschimpfung?

Es fehlt der rote Faden, die Siebener Gruppe, zu der auch Emre Aksizoglu und Ingo Tomi gehören, erinnert, zumal wenn sie synchron im Chor ihre Thesen skandiert, an die Spät-Achtundsechziger. Doch sind Worte ihre Waffen. Ganz am Ende erst, wenn der unbeirrbare Olaf Johannessen den Abgesang formuliert, erschließt sich das Bühnenbild von Katrin Hoffmann. "Lenz fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen ... so lebte er dahin", heißt es. Stellen die braunen Holzhohlräume, die neben grünen Stühlen als einziges Mobiliar erscheinen, vielleicht Angsträume dar? Mit einer Angst um diese Welt verlässt man den aufrührerischen Abend, der mitunter zu laut knallt, als dass er nachhaltig berührt.

(RP/jco)
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