„Body In Pieces“ im Kai 10: Kunst mit Körpereinsatz

„Body In Pieces“ im Kai 10 : Kunst mit Körpereinsatz

Das Kai 10 widmet sich in einer anspruchsvollen Ausstellung dem menschlichen Köper.

Baustellenstrahler werfen gleißendes Licht auf eine schwarze, mit Samt bezogene Wand. Die wilden, orange-rötlichen Striche darauf erinnern an das Höllenfeuer. Strahlend weiß schimmert darüber eine provisorisch eingezogene Decke aus PVC – gehalten wird sie von einer Strebe, die in einem Boxhandschuh steckt. Noch mehr als der Handschuh irritiert an dem von Leda Bourgogne gestalteten Raum ein kleines Detail: Die samtene Höllenwand wird von zwei ganz irdischen und ihrem Zweck entbundenen, handelsüblichen Lüftungsschlitzen zergliedert.

Diese Fragmentierung ist der rote Faden der konzeptuell anspruchsvollen Ausstellung „Body in Pieces“ im Kai10. Ganz unterschiedliche Künstler werden hier unter der Thematik des fragmentierten Körpers zusammengebracht. Die Mittel der Darstellung sind höchst heterogen und reichen von Malerei über Installationen und Sound bis hin zu Videoarbeit. Der moderne Körper, so die Ausstellungsmacherin Julia Höhner, werde durch die Digitalisierung vereinnahmt und vom Markt umworben. Dadurch werde der menschliche Körper immer weiter fragmentiert und zu einem porösen Konzept.

Am deutlichsten wird diese Idee in der packenden Videoarbeit „Three Casualties“ – Drei Todesopfer – von Jens Pecho. In drei Ausschnitten werden Filmszenen gezeigt, bei deren Dreh der ausführende Stuntman ums Leben gekommen ist. Den wahrhaftigen Tod gibt es aber glücklicherweise nicht zu sehen. Im ersten Teil erfolgt der Schnitt vor dem tödlichen Aufprall, die andern zwei Szenen wurden nach dem Tod der Stuntmänner nochmals gedreht. Getreu dem Motto: Der Stuntman ist tot, es lebe der Stuntman. Wie in Ernst Kantorowicz‘ wegweisendem Buch „Die zwei Körper des Königs“ verdeutlicht Pecho hier die Fragmentierung des menschlichen Körpers und dessen Ersetzbarkeit. Die Filmausschnitte werden dabei durch verlangsamtes Abspielen zu einem fast elegischen Videoessay – weit entfernt von der menschlichen Tragödie, die sich in den Ausschnitten manifestiert.

Mit drei Arbeiten von Monica Bonvicini ist auch ein Star der Kunstszene in „Body in Pieces“ vertreten. Die in Berlin lebende Italienerin hat eigens für die Schau im Kai10 eine neue Arbeit konzipiert. Die Skulptur „On the Rack“ nimmt direkten Bezug auf Marcel Duchamp, den Übervater der Konzeptkunst, und seinen Flaschentrockner. Doch hängen bei der Venezianerin nicht leere Glasflaschen auf den Hacken, sondern wohlgeformte, durchsichtige Penisse aus Murano-Glas. Plakativ und effekthascherisch ist das. Trotzdem passend zur Idee des fragmentierten Körpers. Bonvicini macht so darauf aufmerksam, dass der kunstgeschichtliche Kanon die männliche Perspektive bevorzugt. So wird „On the Rack“ zu einer sinnbildlichen Kastration der Kunstgeschichte. Daneben ist Bonvicini mit der Arbeit „No More #1“ im Kai10 vertreten. Der Neon-Schriftzug „No more Masturbation“ hängt wie ein Werbeschriftzug an der Wand des Ausstellungsraumes und warnt leuchtend vor den vermeintlichen Gefahren der lustvollen Auseinandersetzung mit dem Körper. Ein halbes Jahrhundert nach der sexuellen Revolution prangert die Gewinnerin des Goldenen Löwen der Venedig Biennale damit die Ökonomisierung der Lust an.

Weit weg vom Rückgriff und der Beschäftigung mit dem westlichen Kunstkanon ist dagegen die französische Malerin Nadira Husain. Geprägt ist ihre Bildsprache von den muslimisch-indischen Wurzeln ihrer Familie. Ornamentale Muster, Mischwesen aus Mensch und Tier und an Kartographie erinnernde Linien zieren raumhoch die Wände des Ausstellungsraums. An einer anderen Wand steht neben dem Logo des Schuhherstellers Bata die Verballhornung „Bâtarde“, das französische Wort für einen weiblichen Bastard. Während Bata-Schuhe in Indien für den Lebensstil einer neuen Mittelschicht stehen, ist Husains Biographie eine zwischen verschiedenen kulturellen Welten changierende. Dabei besitzen ihre Arbeit eine angenehme Neuartigkeit, ist sie doch geprägt von einem ornamentalen Bildverständnis des Islam, gepaart mit einer poppigen Ästhetik. Was bei Bonvicini in schon tausendmal gesehenem westlichen Konzeptkunst-Gewand daherkommt, ist bei Husain frisch, jung und Zeichen einer neuen, multikulturell geprägten Kunst.

Info Die Ausstellung „Body In Pieces“ ist bis zum 12. Mai im Kai 10, Kaistraße 10, zu sehen; dienstags bis sonntags, 11 - 17 Uhr.

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