"Der Prozess" im Schauspielhaus: Bilder erdrücken Kafkas Text

"Der Prozess" im Schauspielhaus : Bilder erdrücken Kafkas Text

Das Theater ist ein Universum. In diesem Universum liegt ein geiler Planet. Der einzige Nichtgeile auf diesem geilen Planeten ist Josef K., bekannt aus dem Romanfragment "Der Prozess". Er wird sterben und bis zu dem Moment, da man ihm die Gurgel durchschneidet, nach der Frage seiner Schuld suchen. "Ein Mensch ist nie frei von Schuld", heißt es bei Kafka.

In Düsseldorf zeichnet der russische Regisseur Andrej Mogutschi zur Spielzeiteröffnung die letzte Nacht von Josef K.'s Leben nach. Sein surreales Drei-Stunden-Theater ist weit entfernt von der Rekonstruktion der literarischen Vorlage, die aus 16 unnummerierten Einzelkapiteln besteht, ein Stationendrama ist — einst Markenzeichen des Expressionismus. Zwei russische Autoren haben einen Subtext unter die dramatisierten Kafka-Fragmente von 1915 gelegt. So erlebt der Zuschauer vor allem die Fantasien, die Alpträume und Illusionen eines Mannes, dessen Leben kaleidoskopisch noch einmal zusammengesetzt wird. Ein "geiles" Welten-Puzzle in Schwarz-Weiß-Rot.

So heftige, von Musik und Videoeinspielungen unterlegte theatralische Bilder hat man noch nie in Düsseldorf gesehen: Drei Ebenen sind auf der Bühne übereinandergebaut — bis in die puscheligen Wolken hinein (Bühne: Maria Tregubova). Mehrere Ebenen gibt es auch in der Horizontalen mit einem See und einem Wald mit finnischen Birken aus schwedischem Sperrholz. Mit schiefen Ebenen und tiefen Abgründen, mit Türen, die nicht aufgehen, andere führen ins Nichts. Es ist ein Raum wie von René Magritte gemalt, der ein Leben umfassen soll in seinen subjektiv wundersamen Erlebnisreichtümern wie in den objektiv weltpolitischen Rahmenbedingungen. Die Schatten, Spiegelungen und das gleißend gelbe Licht wirken dabei als Verstärker.

Bei Regisseur Mogutschi gibt es keine traditionellen Spielszenen. Dada regiert, nichts entwickelt sich zwingend logisch aus dem Vorhergehenden. Die gesprochenen Worte verlieren sich in ihrer Aussagekraft, vielfach sind sie akustisch unverständlich. Die Regie psychologisiert nicht, meißelt keine Charaktere. Der Mensch scheint außer sich. Und Josef K. ist bereits tot, bevor er tatsächlich — in einer fantastischen Videoscherenschnitt-Projektion — am Ende stirbt.

Schon vor Beginn der Vorstellung laufen Leute durchs Foyer, die so gekleidet sind wie Josef K.. Sie tragen schwarze Anzüge, Hut und Krawatte. Sie sind Banker, sagen sie, die eigentlich zum 70 Stimmen starken Chor gehören. Sie könnten auch Totengräber sein. Sie werden große Gesänge und rezitativartige Soli darbringen, sie sind immer vor Ort, bilden die Masse, das Schattenvolk, das sich bis in den Zuschauerraum hineinbewegt (Musik: Alexander Monotskov/Oleg Karavajtschuk).

Josef K. wandert verhalten durch wundersame Welten, trifft auf Kuhherden und nackte Menschen, und einmal ruht er sich aus im Arm eines Riesenbabys. In diesem zutiefst poetischen Bild schließt sich der Lebenskreis, hier ist endlich Vergewisserung, und Angst bleibt außen vor. Doch es ist erst Halbzeit.

Der Finne Carl Alm spricht als Josef K. leise mit Akzent. Fräulein Bürstner (Patrizia Wapinska) läuft als Jungstudentin über die Bühne, Betty Freudenberg ist die dralle Leni, Sven Walser ein abgetakelter Advokat, Claudia Hübbecker die statuarische Mutter, Dirk Ossig ein fordernder Onkel. Moritz Löwe, Jonas Anders, Taner Sahintürk, Pierre Siegenthaler, Christian Ehrich, Jonas Kerl, Bettina Kerl und Markus Danzeisen — sie alle nehmen sich zurück, bleiben der Maxime untergeordnet, die lautet: Es regiert das Bild. Daher fühlt sich "Der Prozess" viel zu lang an und lässt viel Literatur als Leerstelle. Das ist schade.

(RP/jco)