Caroline Wahl in Düsseldorf zu Gast „Ich liebe Kitsch“

Düsseldorf · Bestsellerautorin Caroline Wahl liest aus „Windstärke 17“ und begeistert ihre Fans im ausverkauften KAP1. Warum die 29-Jährige Deutschlands beliebteste und erfolgreichste Schriftstellerin ist.

Bestsellerautorin Caroline Wahl.

Bestsellerautorin Caroline Wahl.

Foto: Frederike Wetzels/Frederike Wetzles

Die kurze Begegnung vor der Bibliothek. Hallo. Hallo. Endlich Sommer. Ja, toll. Aber nur für einen Tag. Ja. (usw.) Und obwohl Caroline Wahl gerade erst auf Lesetour mit ihrem zweiten Roman ist, fragt man schon nach dem dritten. Weil sie ja doch eine Schnellschreiberin ist und nach ihrem ersten Bestseller „22 Bahnen“ gleich mit dem nächsten begonnen hatte. Dafür hat sie sich auf Bali zurückgezogen. Eine Fortsetzungsgeschichte ist das Buch dann geworden; aber nicht, um schnell an den Hype ums Debüt anzuknüpfen, sondern weil die Geschichte um Tilda, ihrer alkoholkranken Mutter und vor allem der jüngeren Schwester Ida noch längst nicht auserzählt war, wie sie sagt. Auch „Windstärke 17“ ist auf Platz 1 der Bestsellerlisten gelandet.

Und der dritte Roman? Klar, in Arbeit. Erneut eine Fortsetzung? Nein, der neue Roman wird etwas ganz anderes. Was denn? Das könne sie noch nicht sagen oder verraten, nur so viel, dass es ein „total krasses Buch“ sein wird.

Jetzt aber erst einmal der Ostsee-Ida-Liebes-Sinnsucher-Roman „Windstärke 17“, mit dem Wahl zum „Literarischen Sommer“ nach Düsseldorf gekommen ist und das 25. „Duits-Nederlands“-Festival eröffnet. Ausverkauft ist die Lesung seit längerem. Wer erst an der Kasse ein Ticket kaufen will, wird freundlich zur Seite gebeten und vertröstet. Vielleicht holt ja jemand seine Karten nicht ab. Die Hoffnung ist klein.

Dass Maren Jungclaus vom Literaturbüro gleich zur Begrüßung den Roman unter dem Titel „Windstärke 18“ ankündigt, halten viele für einen Versprecher. Ist aber dann tatsächlich nur ein halber. Auf der Beaufortskala ist Windstärke 17 das höchste der Wettergefühle. Weil Caroline Wahl aber gerne das Extreme denkt und schreibt, wollte sie „einfach noch eins drübergehen“. Doch den Romantitel „Windstärke 18“ gab es schon. Doof.

Dann also nur 17, doch auch das ist reichlich für die Geschichte von Ida, die nach dem Tod der Mutter Wohnung und Stadt verlässt, nach Rügen flieht, ohne Geld und eine Idee, was noch so kommen wird im jungen Leben. Weil es für alle im Saal von KAP1 am einfachsten sei und sie am wenigstens erklären müsse, lese sie jetzt einfach mal den Anfang, sagt Caroline Wahl. Das wäre fast nicht nötig, weil alle das Buch zu kennen scheinen und mindestens einmal gelesen haben. Dennoch: „Mit meinem MacBook im Rucksack, meinen Lieblingsklamotten in Mamas marineblauem Hartschalenkoffer, AirPods in den Ohren und der gefalteten Kündigung in der Bauchtasche trete ich aus dem Haus in der Fröhlichstraße 37, das nicht mehr mein Zuhause ist.“ So geht es los in „Windstärke 17“.

Die 29-Jährige liest in einem eigentlichen Singsang-Ton, nicht wirklich mit Betonungen, aber in einem Strom, in dem man gerne ein bisschen mitschwimmt. Und wenn Dialoge folgen, die Caroline Wahl wie bei einem Theaterstück immer mit dem Sprechenden einleitet, wird der Name langsam mit fast sakraler Bedächtigkeit gelesen. Manchmal lacht sie zwischendurch auch, wenn sie sich verliest. Aber das passiert nicht oft.

Caroline Wahl pflegt ihren besonderen Style nicht nur beim Lesen. Sie fällt auf mit ihrem extrem kurzen Pony, sie stellt sich für Fotos in die Ostsee oder fläzt sich auf Sonnenstühlen, sie wirkt unangepasst und ungekünstelt, widmet ihren wilden Roman Papa („Ich hab dich lieb“) und erzählt bedenkenlos von ihrer Leidenschaft für Trash-TV-Formate. Sie habe auch beim Schreiben keine Angst vor der Kitschfalle, in die sie ohnehin mit ihrer schnellen, sichereren Sprache, den ruppigen Dialogen, der Lust am Überzeichnen nicht tappt. „Ich liebe Kitsch in jeglicher Form“, sagt sie und spricht gleich danach über den besonderen Ort der Insel und des Wassers als Seelenlandschaft, in dem Ida – die waghalsige, selbstverlorene Schwimmerin – sich selbst und die Naturgewalten spüren kann.

Zwischen Kitsch, Literatur, Zeitdiagnose und kluger, dramatischer Erkundung einer jungen Frau gibt es bei ihr nur kleine Hürden. Vielleicht ist das auch Teil ihres Erfolgs. Caroline Wahl ist eben so. Was zugegebenermaßen ziemlich platt klingt. Man könnte auch sagen: Caroline Wahl ist Caroline Wahl. Was sie allerdings noch dürftiger beschreibt. Am besten ist darum, sie gesehen oder gehört und am besten gelesen zu haben.

Auf jeden Fall ist sie gerne Autorin und noch lieber Bestsellerautorin. „Ich hoffe, dass ich nie etwas anderes machen muss als Schreiben. Es ist megacool, damit Geld zu verdienen.“ Das ist ihr erst einmal gut gelungen. Für „22 Bahnen“ soll Dumont ihr 150.000 Euro Vorschuss gezahlt haben. Für ein Debüt! Eine gute Investition ist das auf jeden Fall gewesen: Mehr als 300.000 mal hat sich ihr erstes Buch verkauft; demnächst wird die Geschichte außerdem verfilmt.

Danach dürfen sich alle auf den dritten Roman freuen. Der – wie gesagt – etwas ganz anderes werden soll. Vor allem krass. Die Geschichte geht weiter.