Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach las im Schauspielhaus

Lesung : „Houellebecq raucht noch mehr als ich“

Ein charmanter Abend: Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach las im Schauspielhaus aus seinem Roman „Kaffee und Zigaretten“.

Es kommt vor, dass Bestsellerautor Ferdinand von Schirach ein Interview unterbricht, um vor der Tür eine Zigarette zu rauchen. Als er jetzt im Schauspielhaus zu Gast ist und eine 20-minütige Pause ankündigt, denkt man, aha, da kann er ja einige qualmen.

Das macht er aber auch schon auf der Bühne, was ausnahmsweise erlaubt ist, denn das Theater hat sich für diesen Abend eine Sondergenehmigung besorgt. Der Gast soll sich wohlfühlen, zumal er seinerseits verlässlich einen perfekten Gastgeber abgibt, wie man weiß. Von der ersten bis zur letzten Sekunde ist Schirach von sagenhafter Höflichkeit. Ein Gentleman mit Esprit, der um sein Publikum wirbt wie um eine Braut. Die Besucher im ausverkauften Saal des Großen Hauses sind entzückt.

Er liest an diesem Abend aus seinem neuen Buch „Kaffee und Zigaretten“, das einem autobiografischen Insel-Hopping gleicht: Bevor die ersten Eindrücke sich zu verdichten beginnen, legt das Schiff schon wieder ab. Das hat der diskrete Autor wohl kalkuliert, denn am Ende geht es ihm meist nicht so sehr um sich, sondern um die Wahrung der Menschenwürde. Mehr als anderen scheint es dem früheren Strafrechtler und Enkel eines hochrangigen Nazis ein Grundbedürfnis zu sein, darum zu ringen.

Schirach beginnt mit der ersten Geschichte. Bloß sieben Seiten lang und doch genug, um begreifbar zu machen, wo seine Depressionen ihren Anfang nahmen: in einer unglücklichen Kindheit, mit einem Vater, der früh starb, und einem Suizidversuch, der missglückte, weil der jugendliche Ferdinand zu betrunken war. „Er gewöhnt sich an das Internat, so wie sich Kinder an fast alles gewöhnen. Aber er glaubt, er gehöre nicht dazu, etwas fehle, was er nicht benennen kann.“

Und dann gibt es Kaffee und ein Gespräch mit Schauspielhaus-Dramaturgin Janine Ortiz, die Nichtraucherin ist, sich jedoch jetzt eine Zigarette ansteckt, was Schirach „toll“ findet. „Sie sind mein erster Gast, der auch raucht.“ Glücklicherweise nimmt der Autor die faden Fragen der Theaterfrau zum Anlass, Anekdoten zum Besten zu geben, weil auch er nicht so recht weiß, was er von Fragen wie „Sind Sie Schriftsteller geworden, weil man da einsam ist?“ halten soll. Ob er sich vorstellen könne, Theater zu spielen? Sein neues Stück „Gott“, das vom Sterben handelt, werde ja im nächsten Jahr in Düsseldorf uraufgeführt. Vielleicht wolle er eine Rolle übernehmen? „Eher nicht.“

Schirach reagiert tadellos. Lieber erzählt er von einer amüsanten Begegnung mit dem französischen Schriftsteller Michel Houellebecq. Die Männer waren ins Stuttgarter Theater eingeladen, es ging um Literatur. „Houellebecq raucht noch mehr als ich.“ Und sollte dies auch in Stuttgart dürfen, wo vieles strenger sei als in Düsseldorf. Also baute man Zuschauerplätze ab, um einen zusätzlichen Fluchtweg zu schaffen, falls ein Feuer ausbrechen würde. Houellebecq kam unverhofft mit seinem Hund und plauderte eine halbe Stunde lang auf französisch mit dem Tier. „Geraucht hat er keine einzige Zigarette.“

Später spricht Schirach davon, „wie herrlich durcheinander unsere Gesellschaft ist“. Zusammentreffen wie die mit Houellebecq oder dem Literaturnobelpreisträger Imre Kertes, wovon auch in „Kaffee und Zigaretten“ zu lesen ist, sind literarisch durchdeklinierte Glanzbilder dieser Vielfalt, auf deren umfassenden Wert Schirach nach der Pause zu sprechen kommt. Auf einer Party – für ihn, der keinen Alkohol trinkt, kein idealer Aufenthaltsort – ist ein „dicker Politiker“ zu Gast, der jüngst über westliche Werte sprach. In den Augen von Schirach sind diese ein zu großes Gut, als dass er sie partylaunig betrachten könne, geschweige denn wolle.

Eine kleine Weile lang verlässt er die Ebene des Unterhaltsamen, fischt aus der Geschichte maßgebliche Begebenheiten und Visionäre heraus wie Heinrich IV. und seinen Bußgang nach Canossa, Staatstheoretiker Montesquieu oder Aufklärer John Locke und seinen Einfluss auf die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten. „Die großen Erklärungen der Menschheit waren Utopien“, sagt Schirach. „Uns würde es nicht schaden, heute noch einmal so mutig zu sein.“ Die errungenen Werte seien in Gefahr. „Es gilt, die Vielfalt zu verteidigen“, sagt er. „Darum schreibe ich.“ Er schließt mit der letzten Erzählung aus seinem Buch, die auch vom Tod, vor allem jedoch vom Glück handelt. Das Publikum ist begeistert, die Schlange am Büchertisch, wo Schirach signiert, sehr lang.