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Düsseldorf: Behinderte auf der Bühne

Düsseldorf : Behinderte auf der Bühne

Theater interessieren sich verstärkt für die Beschäftigung mit körperlicher Andersartigkeit. Doch nicht alle Versuche, Inszenierungen ohne Bevormundung zu wagen, sind künstlerisch überzeugend. Das zeigt sich auch in Düsseldorf.

Geht das? Ein Mann mit Down-Syndrom sitzt lässig im Regiestuhl. Er trägt Lederjacke, Fassbinder-Brille und lächelt selbstgefällig. An diesem Abend hat er die Macht. Er soll sagen, was gemacht wird auf der Bühne.

Jonny Chambilla will Sextheater. Er will eine Frau an der Stange tanzen sehen, möchte ihr sagen, was sie zu tun hat. Und so geschieht es. Die Tänzerin will zwar nicht einen Affen aus sich machen, als Chambilla das verlangt. Aber sie sprüht sich auf sein Kommando Sahne auf Brust und Hintern. Und Fassbinder-Jonny schleckt sie ab.

Wenn Theater Menschen mit Behinderung auf die Bühne holen, dann stehen sofort Fragen der Verantwortung im Raum: Wird die Würde der Menschen mit den andersartigen Körpern geachtet? Bekommen sie endlich den lange verwehrten Spielraum in der Öffentlichkeit oder läuft die Produktion auf ihre Kosten? Wird die Andersartigkeit zur Sensation?

Es sind dies notwendige Fragen, doch ist das Machtgefälle klar: Über Behinderte wird befunden. Menschen ohne Behinderung stecken die Räume ab, in denen "die Anderen" sich probieren dürfen.

Auf diese verborgenen Machtstrukturen zielt die Theatergruppe Monster Truck, 2005 am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen gegründet. Vor zwei Jahren ging sie mit "Dschingis Khan" auf Tour. Darin stellte sie drei Darsteller mit Down Syndrom vom Berliner Theater Thikwa in einer Art Völkerschau als wilde Mongolen aus. Die provokante Inszenierung sorgte für viel Aufsehen, weil sie den Voyeurismus des Zuschauers offen anspielt, und sich dem politisch korrekten Umgang mit Behinderung auf vielen Ebenen verweigert.

Nun geht die Gruppe noch einen Schritt weiter. In ihrer Inszenierung "Regie", die jetzt am Forum Freies Theater in Düsseldorf Station gemacht hat, übergibt sie die mächtigste Position am Theater, die des Regisseurs, an die drei Darsteller aus "Dschingis Khan". In Video-Einspielungen erlebt der Zuschauer, wie die drei sich vorbereiten: Von Schnipseln aus Programmzeitschriften, einem Lillifee-Heft und einem Pornofilmchen lassen sie sich inspirieren, casten Schauspieler, treten dann im Stück aber auch selbst auf, als Regisseur-Darsteller - als inszenierte Herrscher über das Bühnengeschehen und über das Publikum.

Das wird immer mehr einbezogen. Die wunderbar eigenwillige Sabrina Braemer inszeniert altmodisches Mitmachtheater, wählt mit Abzählreimen halb naiv, halb bedrohlich Zuschauer aus dem Publikum. Die müssen die Bühne putzen, Schäfchen spielen, sich erschießen lassen. Und so ist neben dem eigentlichen Geschehen auf der Bühne Verunsicherung zu erleben, wissen die plötzlich exponierten Zuschauer nicht, wie sie reagieren sollen: Rücksichtnahme, Irritation, Scham treffen auf die teils charmant, teils ruppig zur Schau gestellte Gestaltungsmacht der behinderten Darsteller.

Dabei bleibt unklar, was tatsächlich freier Wunsch der ermächtigten Regisseure ist, was ins Regiekonzept passen musste. So reflektiert der Zuschauer permanent, ob er die Grenzüberschreitungen, etwa in der Darstellung sexueller Lust behinderter Menschen akzeptieren kann. Das ist die innere Spannung dieses Abends, der jedoch auch Längen hat, weil Monster Truck die Aktionen der behinderten Regisseure nicht ästhetisch überhöht, sondern ihnen zumindest scheinbar die Bühne überlässt.

Theater interessieren sich in jüngster Zeit verstärkt für das Thema Behinderung - eines der letzten Tabus in dieser Gesellschaft. Das Theater Darmstadt hat zwei behinderte Darsteller ins Ensemble geholt, Jérôme Bel zeigte bei der Ruhrtriennale einen anrührenden Tanzabend mit Behinderten. Doch egal, wie ästhetisch durchgeformt die Inszenierungen geraten, stets geht es um die Distanz gegenüber "Anderen", um Berührungsängste. Und so ziehen Künstlergruppen, ob gewollt oder nicht, Nutzen aus Behinderung, haftet den Stücken etwas Sensationelles an - unabhängig vom künstlerischen Anspruch.

Es gibt nur wenige, die nicht in diese Falle geraten. Der Choreograf Raimund Hoghe etwa, der die Andersartigkeit seines Körpers nicht negiert, wenn er auf die Bühne tritt, sie aber auch nicht selbst zum Thema macht. So kann er ganz Künstler sein. Beharrlich konzentriert sich Hoghe auf die Ästhetik und politische Aussage seiner Arbeiten und schenkt dem Zuschauer so die Gelegenheit, unbefangen schauen zu können. Das ist stillere Kunst als die Arbeiten von Monster Truck, die Debatten provozieren sollen. Raum sollte im Theater für beides sein.

(RP)