Ballett am Rhein: Für die Reihe "Young Moves" entwickeln Tänzer eigene Stücke.

Brice Asnar : Tänzer wird Choreograf

Für die Reihe „Young Moves“ entwickeln Tänzer des Balletts am Rhein eigene Stücke. Der 30-jährige Brice Asnar ist einer von ihnen. Seine Arbeit zur Musik junger zeitgenössischer Künstler wird am Freitag uraufgeführt.

Als Kind möchte Brice Asnar Backround-Tänzer bei Michael Jackson werden. Das ist in Ordnung, denn wer wie er im draufgängerischen Marseille zu Hause ist, spielt eigentlich Fußball und träumt von einer Karriere im Stil des großen Zinedine Zidane. Breakdancer geht aber so gerade noch durch als Zweit-Berufswunsch. Seine Neigung zum HipHop ist bis heute stark. Das Leben kommt eben immer vor dem Klischee, auch wenn Brice Asnar am Ende klassischen Tanz studiert und Marseille sanftmütiger daherkommt, seit es 2013 europäische Kulturhauptstadt gewesen ist.

Dem Tanzstil mit den afroamerikanischen Wurzeln widmet sich Brice Asnar neuerdings sogar wieder intensiver, der Franzose pflegt Kontakte in die USA. Jetzt muss er jedoch erst einmal liefern: Er ist eines von vier Compagnie-Mitgliedern des Balletts am Rhein, die am 5. Juli eigene Choreografien in der Oper präsentieren. Den besonderen Termin, „Young Moves“, gibt es in jeder Spielzeit, die thematische Färbung reicht dieses Mal von humorvoll über nachdenklich bis aufgewühlt.

Brice Asnar beschäftigt sich in seinem Stück „As it leaves . . .“ mit der Verarbeitung von Verlusten. „Verlust kann das Ende einer Beziehung meinen, den Tod eines nahestehenden Menschen oder den Pianisten, der sein musikalisches Gespür verliert“, sagt der 30-Jährige. „Jeder hat es schon erlebt, Abschied nehmen zu müssen. Wir reisen durch unsere Erinnerungen und verfangen uns im Dickicht emporsteigender Gefühle. Während einer solchen Phase ist kein Tag wie der andere.“

Zwei Tänzer übersetzen seine Gedanken in Bewegung. „Ich mag es simpel und ungeschliffen. Ich brauche kein Feuerwerk, um etwas auszudrücken“, sagt Brice Asnar. Seine Kreation ist 13 Minuten lang, dazu hat er drei Musikstücke zeitgenössischer junger Künstler ausgewählt: „When the party is over“, das aus der Feder von Billie Eilish stammt, einer 18 Jahre alten US-amerikanischen Singer-Songwriterin, außerdem „Looped“, komponiert vom isländischen Elektro-Duo Kiasmos, sowie „Palemote“ von Slow Meadow, der im Ambient-Genre zu Hause ist.

Wun Sze Chan und Daniel Vizcayo trainieren schon eine Weile für „As it leaves...“, die Musik kennen die beiden Tänzer jedoch erst seit drei Wochen. „Wenn wir eine Choreografie einstudieren, hören wir die Kompositionen wieder und wieder. Das ist ermüdend“, sagt er. „Ich möchte das für meine Stücke nicht.“ Asnars Haltung ist nicht unproblematisch, denn sie gewährt den Tänzern nur wenig Zeit, um sich mit dem neuen Sound zu verbinden. Bislang probten sie zu Rihanna, Beyoncé und Otis Redding.

Ohnehin stellt die Zusammenarbeit mit Tänzerkollegen eine Herausforderung dar, wenn einer aus ihrem Kreis in die Rolle des Choreografen schlüpft und plötzlich der Chef ist. Der Chef sein muss. „Es gibt Reibungspunkte, ja, das will ich nicht verhehlen“, sagt Brice Asnar, „aber das ist es dann auch schon. Unsere Arbeit wird grundsätzlich von gegenseitigem Respekt getragen. Wir kommunizieren auf Augenhöhe.“

Der Franzose hat bereits an anderen Häusern, an denen er engagiert war, choreografiert. Trotzdem ist der Reiz, sich an immer neuen Formen künstlerischen Ausdrucks zu versuchen, größer als der Wunsch, Choreograf zu sein. „Ob dies ein Weg für mich ist, kann ich nicht sagen. Ich weiß, wer ich jetzt bin – ein Tänzer. Wenn ich aufhöre, das Tanzen zu lieben, dann höre ich auch auf zu tanzen.“

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