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Ausstellung „Übergangsheim Schiessstraße“ im Düsseldorfer Stadtmuseum

Ausstellung „Übergangsheim Schiessstraße“ : Aus der Perspektive eines Wachmanns

Der Fotograf und Grafikdesigner Richard Reisen arbeitete 1989 in einem Asylbewerberheim. Seine Bilder dokumentieren das Leben an der Schiessstraße – den Alltag von Menschen in einem Zwischenreich.

Kahle Flure, kühle Leuchtstoffröhren, der fast spürbare Geruch alten Rauchs in Räumen, die beklemmend wirken – die Fotos der Ausstellung „Übergangsheim Schiessstraße“ im Stadtmuseum sind nüchtern, sprechen aber eine klare Sprache. Der Designer und Fotograf Richard Reisen hat im Jahr 1989 als Wachmann in dem Asylbewerberheim im Statteil Heerdt gearbeitet und in dieser Zeit etwa 1000 Fotos vom Leben in der Unterkunft gemacht. Sie zeigen Alltag, erzählen kleine Geschichten und dokumentieren, was selten oder sogar nie zu sehen war.

„Ich bin dort der Langeweile begegnet“, erzählt Reisen, der sich gegen Ende seines Grafikdesign- und Fotografiestudiums mit dem Nebenjob in der Wachmannschaft etwas Geld dazuverdienen wollte. In den Spuren berühmter Reportage-Fotografen des Zweiten Weltkriegs hatte der damals 28-Jährige das Bedürfnis, ganz nah ans Geschehen zu gehen, sich ihm investigativ zu nähern und das Fremde in Bildern und Texten begreiflich zu machen. „Wer sich näher mit der Fotografie beschäftigt, landet zwangsläufig in der Reportage“, sagt Reisen. Auch für die Mahn- und Gedenkstätte in der Stadt hat der 63-jährige Düsseldorfer schon ein Projekt verwirklicht, der schon als Kind das Fotografieren geliebt habe: „Ich habe irgendwann mit einer Praktica L angefangen, was man sich halt so leisten konnte.“

Die Fotos im Stadtmuseum sind keine künstlerischen Versuche, sondern echte Zeitdokumente, die Reisen mit dem Einverständnis der Heimbewohner aus den verschiedensten Nationen anfertigte. Die meisten waren Afrikaner, kamen aus Ghana, Gambia, dem Senegal, Westafrika, aber auch Iraner und einige Polen seien unter den Menschen gewesen, die auf einen positiven Bescheid ihres Asylantrags hofften. „Ich war meistens im Nachtdienst da, drei oder vier Tage die Woche“, erinnert sich Reisen. Der Kontakt mit den Asylbewerbern sei gut gewesen, er habe Lesestoff mit ihnen getauscht oder als Gegenleistung für seine kleinen, fotografischen Eingriffe in die – im Heim ohnehin kaum erwähnenswerte – Privatsphäre das einzig verfügbare Telefon des Hauses, das in seiner Wachstube war, zur Nutzung angeboten. „Da musste ich immer über sechs oder sieben Etagen gelaufen“, sagt Reisen mit einem Schmunzeln.

Seine Pflichten als Wachdienst zwangen ihn in dem halben Jahr seiner Tätigkeit dort eigenen Angaben zufolge so gut wie nie zum Einschreiten. Fast immer hätten sich Streits zwischen Personal und den geschätzt 70 oder 80 Bewohnern und auch innerhalb der ausländischen Gemeinschaft lösen lassen. Dennoch sei Rassismus Teil des Alltags gewesen: „Die Leute aus Ghana und die wenigen Polen haben sich überhaupt nicht vertragen“, sagt Reisen, auch zwischen Menschen unterschiedlicher afrikanischer Herkunftsländer hätte es Meinungsverschiedenheiten gegeben. „Natürlich wurde auch gedealt, die Leute durften ja nicht arbeiten“, das habe laut Reisen auch zu Polizeieinsätzen geführt, in denen mitunter Türen eingetreten wurden.

Sind die Bilder, ist die Ausstellung eine Abrechnung mit den damaligen Zuständen im Übergangsheim? „Ich mag keine Fingerzeige und habe das deshalb sehr offen gelassen. Die Kritik zeigt sich, wenn man genau hinschaut“, sagt Reisen. So befänden sich die gezeigten Menschen in einem „Limbo“, wie der Fotograf es ausdrückt, in einem Reich zwischen erzwungener Ausreise und einem Leben in Deutschland. „Sie wollten Mädels kennenlernen, damit sie hierbleiben konnten. Von der ersten Kohle gab es schicke Klamotten von C&A“, erzählt der 63-jährige. Die Asylbewerber hätten die Zeit mit Brettspielen totgeschlagen, mit aus der Bibliothek ausgeliehenen Büchern, sie hätten sich auf dem Dach des Hauses und in den Fluren die Haare geschnitten („Das waren Meister im Flattop“).

Das Haus an der Schiessstraße, das vor der Nutzung als Übergangsheim ein Hotel war, beherbergt heute Wohnungen, sagt Reisen. Er komme noch manchmal daran vorbei, und die Erinnerungen, die sich dann heranschleichen, seien positiv. In dieser Zeit habe er hinter die Fremdheit der Menschen blicken können, gelernt, und wie sich ihre Dialekte unterscheiden: „Ich war jung, und es gab dort eine Menge zu sehen und zu erfahren.“