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Ausstellung „Ist das noch Kunsthandwerk?“ Handwerkskammer Düsseldorf

Ausstellung läuft noch bis 26. September : Kunsthandwerk kann gesellschaftskritisch sein

In ihrer aktuellen Ausstellung zeigt die Handwerkskammer Arbeiten, die nah am Leben sind: Es geht unter anderem um Nachhaltigkeit und Konsumkritik.

Was genau ist eigentlich Kunsthandwerk – und wie grenzt es sich von der Kunst ab? Unter dieser Frage stehen 64 Werke, die die Handwerkskammer Düsseldorf noch bis zum 26. September in ihrer aktuellen Schau zeigt. Kann man Kunsthandwerk vielleicht als „Kunst minus den Faktor x“ verstehen, fragt Sabine Wilp, Präsidentin des Bundesverbandes Kunsthandwerk, im Ausstellungskatalog. „Oder doch eher Handwerk plus den Faktor x? Und was um Gottes willen ist dieser Faktor x?“

„Oft wird Kunsthandwerk als das missverstanden, was auf Weihnachtsmärkten angeboten wird“, sagt Frauke Kerkmann von der Handwerkskammer Düsseldorf. „Dabei ist es viel mehr.“ So haben sich einige der Werke dem Upcycling verschrieben: Hierbei werden Abfallprodukte genutzt und umgewandelt. Bei Sabine Moshammer sind das leere Glasflaschen, die verbunden mit einem Keramik-Untersatz und einer Glühbirne als „Second Lamp“ von der Decke baumeln. An anderer Stelle des Foyers sind es wiederum Filzreste, die in einem überdimensionalen Mobile von der Decke hängen – das dient nicht nur der Dekoration, sondern wird gezielt als schallabsorbierendes Akustikelement in größeren Räumen eingesetzt.

Als Klassiker des Kunsthandwerks gilt Schmuck – in einer ganz unkonventionellen Form hat ihn Gitta Pielcke hergestellt: eine Kette mit Anhängern aus Schweineohren. Der Titel der Arbeit fragt „Wo beginnt der Ekel?“ und weist damit auf die Absurditäten des gesellschaftlichen Konsums hin: „Wir haben kein Problem damit, Innereien oder Knorpel vom Tier zu essen, wenn diese, unkenntlich gemacht, in Wurst oder Süßigkeiten verarbeitet wurden“, so Pielcke. Aber diese „eigentlich unappetitlichen Produkte“ um den Hals zu tragen: „Ist das nicht total abwegig, eklig und deplatziert?“

Ein weiteres gesellschaftskritisches Werk hängt ganz vorne im Foyer. Auf weißem Hintergrund sind Lagen von in verschiedenen Blautönen gefärbtem Pergament befestigt: das Meer. Darauf werden in weißer Schrift die Namen und Daten von Menschen projiziert, die auf der Flucht aus ihrem Heimatland gestorben sind. Auf einem Sockel vor dem Bild liegt ein aufgeschlagenes Buch – es ist die Liste, von der die Namen stammen, sie wird von der Organisation United International geführt. Im Juni 2019 war der Stand bei 36.570 Toten – die weiße Gischt auf dem Bild besteht aus ebenso vielen Löchern. „Mare Nostrum“ ist der Titel dieser Arbeit von Silke Lazarević und heißt damit nicht nur wie die 2013 und 2014 durchgeführte Rettungsaktion von Geflüchteten, sondern ist auch der lateinische Name für das Mittelmeer. Unser Meer, und damit auch: unsere Verantwortung. Eine Botschaft, die aktueller nicht sein könnte.

Überlegt man sich also nun, was dieser Faktor x ist, der das Kunsthandwerk von der Kunst unterscheidet, dann ist es das Nahbare, die durch das Handwerk hergestellte Bodenhaftigkeit. Vielleicht ist der Faktor x damit auch der breitere Zugang, weil schlichtweg mehr Menschen einen für sie relevanten Bezug darin sehen. Wenn das so ist, dann ist der Faktor x ein großer Gewinn für die Kunst, die manchmal so abstrakt und für eine privilegierte Gruppe bestimmt zu sein scheint. Denn viele Formen der Kunst, etwa die im öffentlichen Raum, streben danach, sie für mehr Menschen zugänglich zu machen. Dann müsste es heißen: Kunsthandwerk ist Kunst plus x.