Ausstellung in der Kunstsammlung NRW: Treiben lassen im Kunstbetrieb

Ausstellung in der Kunstsammlung NRW : Treiben lassen mit der Kunst

Die Kunstsammlung NRW stellt in Kooperationen mit der Akademie 77 Arbeiten von Absolventen aus.

Es fällt auf: Die Kunst von heute ist nicht so düster wie die Prognose für unsere Zeit. Während die Direktorin der Kunstsammlung NRW und der Rektor der Kunstakademie von einer schweren, ja „schlimmen“ Zeit sprechen, in der wir leben, sind die 77 Beiträge – Bilder, Installationen, Objekte, Fotos und Filme –, die dem Kooperationsgedanken der Institutsleiter entspringen, darauf aus, uns aus dieser Erdenschwere zu befreien. Das Heilende der Kunst ist zwar nichts Neues, doch ist es schön, mitanzusehen, dass die junge Generation wieder auf den Dialog setzt, dabei die Lust am Fabulieren, am Schönfärben und am Konstruieren von Alternativen fortführt.

Sie wollten sich nur mal auf einer Luftmatratze über den Rhein treiben lassen – so heißt das Spiel, das Marco Biermann und Tomas Kleiner zu einer sehnsuchtsgetriebenen Naturperformance veranlasst, zu deren Gelingen unzählige Behördengänge nötig waren und gewaltige Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden mussten. Gestern liegt Tomas Kleiner nun unbekümmert im Souterrain des K21 herum, auf bedruckten Luftmatratzen mit verschiedenen Motiven. Wirft er den Kopf in den Nacken, kann er hoch oben Videos von einer ungewöhnlichen Expedition anschauen, die im Juni 2019 stattfand. Das Nichtkalkulierbare hatte die beiden gereizt, die Idee war ihnen beim täglichen Überqueren der Rheinbrücke gekommen, die Vorbereitungen waren langwierig. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen und Vorschriften galt es, zu einem freiheitlich-romantischen Gefühl zu finden und dieses in der Installation weiterzuverbreiten. Das ist gelungen.

Viele der 77 Absolventen aus mehr als acht verschiedenen Ländern haben gemalt, manche haben sich vielleicht unterbewusst auf große Vorbilder der Kunstakademie bezogen. Jana Zatvarnicka hängt bemalte Tücher, ihre leise getönten „Gebetsbilder“, in ein Rund – so wie Günther Uecker es tat. Soonho Jeong aus Südkorea hat aus Stahlrohrseilen eine Wandarbeit gebaut, gleich daneben fällt der Bezug zu Gerhard Hoehme auf, wenn Lisa Klinger „The Corner“ über die Raumecke hinweg ausbreitet.

Der Raum spielt mit, ganz in Weiß ist er geblieben, ohne Einzug weiterer Architektur. So gewinnt man einen Überblick über Vielfalt, Internationalität und Güte. Das Meiste kann bestehen, selbst vor kritischen Augen. Hin und wieder melden sich in Düsseldorf selbsternannte Kunstanwälte zu Wort, die meinen, dass die jungen Absolventen in der Landesgalerie noch nichts zu suchen hätten. Dem setzt Direktorin Susanne Gaensheimer die in der Stiftungssatzung aufgeführte Pflicht zur Förderung junger Kunst entgegen.

Was in den vergangenen zehn Jahren bei den jährlichen Rundgängen in der Akademie zu sehen war, nämlich Studien- und Abschlussarbeiten, setzt sich in den reiferen Kunstwerken der schon fertigen, ins Lebenswerk gestarteten Kreativen fort. „Diese Ausstellung ist zum zweiten Mal ein Spiegel“, sagt Rektor Karlheinz Petzinka, „hier lässt sich Kunst als Antwort auf die gesellschaftlichen Veränderungen lesen.“ Das digitale Zeitalter, der Klimawandel, neu aufkeimender Rassismus auch infolge der Migration setzen den Menschen weltweit zu. Doch der Mut ist nicht kaputtzukriegen wie der Glaube an Freiheit und Verrücktheit.

Sabrina Straub hat ein weißes Netz aus Styropor „gehäkelt“, es schwebt unter die Decke und heißt „Trittschalldämmung“. Einfach nur Poesie im Einklang mit Technik und Liebe drückt Yutao Gao minimalistisch aus. Eine karge Glühbirne hängt von der Decke hinab, die blinkt auf und ab im Puls seiner Mutter, die in China lebt und, damit der Herzschlag übertragen werden kann, ein eigens dazu konstruiertes Armbandgerät trägt. Die acht Bilder von Kathrin Edwards im selben Raum stehen für den zweiten Pol in einer Kunstwelt, für Traditionelles, Radierung und Prägedruck. Am interessantesten ist der Supermarkt-Automat, in dem man sich eine neue Identität ziehen kann. Kaum verwunderlich, dass er von Yiy Zhang aus dem Überwachungsstaat China erfunden wurde. Ihr eigenes Porträt hat sie vervielfältigt und in kleine Passformate gezwängt. Böse neue Welt.