Ausstellung „I‘m not a nice girl!“ im Ständehaus: vier Konzeptkünstlerinnen der ersten Generation.

K 21 : Diese Künstlerin will nicht nett sein

Die sehenswerte Ausstellung „I‘m not a nice girl!“ im Ständehaus zeigt vier Konzeptkünstlerinnen der ersten Generation.

Jeder, der Kasper König kennt, wird sogleich schmunzeln, denn so kennt man ihn. In ihrem privaten Tagebuch, in dem die Künstlerin Lee Lozano alles Wichtige aus ihrem Alltag festhielt oder Perspektivisches skizzierte, hat sie folgende Anekdote im Mai 1969 notiert. Darin nimmt sie (in englischer Sprache) Bezug auf einen Ausspruch des vielleicht berühmtesten deutschen Kunstmenschen der Gegenwart. „Kasper König sagte zu mir, es muss 1965 (?) gewesen sein, du bist eine gute Malerin und ein nettes Mädchen“. So wurde es von der Lozano in feinsäuberlicher Druckschrift auf liniertem Papier mit Bleistift notiert. Weiter heißt es: „Ich antwortete: Sie liegen zweifach daneben. Denn ich bin eine sehr gute Malerin und kein nettes Mädchen.“

Zum Schmunzeln war dieser Satz („I’m not a nice girl!“) von einer der wegweisenden US-Konzeptkünstlerinnen sicherlich nicht gedacht, er war vielmehr die kämpferische Selbstbehauptung einer Malerin, die zu ihrer Zeit wie viele ihrer Kolleginnen wenig Anerkennung im Kunstbetrieb fand.

Die Spuren der schon 1999 gestorbenen Amerikanerin, die sich mit 40 aus dem Kunstbetrieb verabschiedet hatte und deren Werk erst nach ihrem Tod breite Anerkennung fand, führen auch ins Rheinland zu einem der berühmtesten Galeristen der Nachkriegszeit. In Düsseldorf arbeitete Konrad Fischer intensiv daran, die in den 1960er Jahren in den USA aufkommende Konzeptkunst in Deutschland vorzuführen und zu etablieren. Nur Frauen stellte der Strippenzieher des damals international explodierenden Kunstmarktes wenige aus, wenn er auch mit den Protagonistinnen in regem Kontakt stand.

Heute ist die Erinnerung an Konrad Fischer und seine Frau Dorothee sehr lebendig, ihre renommierte Galerie in Flingern wird unter Leitung der Tochter weitergeführt, ihre Sammlung und besonders ihr Archiv wurden vom Land NRW für die Kunstsammlung erworben.

Für die Ausstellung „I’m not a nice girl!“ hat Kuratorin Isabelle Malz dieses Archiv befragt, durchstöbert, ausgewertet. Texte, Briefe, Tagebücher, Fotografien, Konzepte und weitere Dokumente der vier Künstlerinnen wurden mit einigen Originalarbeiten zu einem großen zeitgeschichtlichen Puzzle zusammengesetzt.

Bei ausführlichem Studium dieser Dokumente ist man plötzlich zurückversetzt in eine Zeit, die mehr als 50 Jahre zurückliegt und die von einem politisierten Kunstaufbruch kündet, den man längst nicht als historisch abhaken sollte. Vier Protagonistinnen begegnen dem Ausstellungsbesucher, Eleanor Antin (geb. 1935), Lee Lozano (1930-1999), Adrian Piper (geb. 1948) und Mierle Laderman Ukeles (geb. 1939), fast alle schon in den Achtzigern, die sich bis heute mit weitgreifenden sozialpolitischen und feministischen Themen befassen.

Und sogleich muss man resümieren: Es hat sich in dem vergangenen halben Jahrhundert nicht viel geändert oder gar erledigt. Die Institutionskritik, die Dokumentation von täglichem Rassismus, die Identitäts- und Genderprobleme sowie das ökologisch aktivistische Anliegen einer ganzen Generation ließen sich heute beinahe genauso aufs Neue formulieren.

Die Direktorin der Kunstsammlung, Susanne Gaensheimer, sagt, dass nahezu alle zeitgenössische Kunst auf Konzeptkunst aufbaut, also auf solchen kreativen Prozessen und Vorgehensweisen, bei denen der Gedanke für die Bedeutung eines Kunstwerks als vorrangig vor der Ausführung erachtet wird. Und sie ist glücklich, diese gedankenschwere, sehr spezielle Zusammenstellung im Ausstellungsformat auf der Bel Etage und im Fischer-Archivraum (1. Stock) präsentieren zu können. Intensiver kann Quellenstudium nicht ausfallen, wenn man auch seine Lesebrille nicht vergessen sollte.

Neben dem Quellenstudium, das für Düsseldorfer, besonders aber für Studierende und Kunstschaffende von Interesse sein dürfte, hängt auch Kunst an den Wänden, oder es flimmern Videos, die Performances aufgezeichnet haben. Das kleinste Kunststück sind zwei Kästchen mit Visitenkarten, guerillamäßig bedruckt. Großformatig und eindrucksvoll alltäglich ein Video, das „Funk Lessons“ von Adrian Piper wiedergibt. Interessant in ihrer Zeit die schwarz-weiße bildhafte Serien-Untersuchung vom Gewichtsverlust einer Frau.

Das dringlichste Manifest – in den 1960ern schrieben viele Künstler regelmäßig Manifeste – stammt von Mierle Laderman Ukeles, die den Wert von alltäglicher Routinearbeit betonen will. Sie beschloss in den Siebzigern, „Instandhaltungskünstlerin“ zu werden und fortan ihre tägliche Hausarbeit als Kunst zu bewerten.

„Mein Arbeiten wird das Werk sein“, schrieb sie und zog sogar mit ihrer Familie ins Museum als artist in residence. Zwischen 1970 und 1984 begab sie sich unter die Müllmänner von New York und dokumentierte ihre Performance. „Touch Sanitation“ hieß dieses Projekt, während dessen sie mehr als 8500 Mitarbeitern des Department of Sanitation die Hände schüttelte. Das Räumen der Mülleimer an gesellschaftlich nicht sichtbaren Orten verdient künstlerische Anerkennung, sagt sie. „Danke dafür, dass ihr New York City am Leben erhaltet.“

 Es hat ihr sichtlich gefallen, bis heute führt sie solche Performances weiter.