David Bennent "Aus zwei Weltkriegen nichts gelernt"

Düsseldorf · Der Schauspieler wurde als Oskar Matzerath in der "Blechtrommel" berühmt. Morgen Abend wird er in der Kö-Galerie aus der Erste-Weltkriegs-Tragödie "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus lesen.

Sie gehört zu den großen und traditionellen Veranstaltungen während des Bücherbummels: die Lesung "Nacht der Poeten" in der Kö-Galerie. Die 26. Auflage wird bestritten von dem Schauspieler David Bennent, der als Oskar Matzerath in der Volker-Schlöndorff-Verfilmung der "Blechtrommel" von Günter Grass berühmt wurde. Diesmal wird mit seiner morgigen Lesung an den Ersten Weltkrieg erinnert, der vor 100 Jahren begann. Bennent liest aus der 1922 erschienenen Tragödie "Die letzten Tage der Menschheit", die 220 Szenen von den Grabenkämpfen der Soldaten erzählt.

Was bedeuten Ihnen "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus - das große Drama über den Ersten Weltkrieg?

Bennent Spannend ist ja, dass Kraus nach eigenem Bekunden all das, was er aufgeschrieben hat, irgendwo auch gehört hat. Das sind eigentlich alles gesprochene Wörter, die er umgesetzt hat. Und das ist natürlich für einen Vorleser höchst interessant; aber auch, um den Ersten Weltkrieg und die Menschen dieser Zeit zu verstehen.

Was werden Sie auf dem Bücherbummel aus dem Drama lesen?

Bennent Unter anderem einen Text eines Geistlichen, der sagt, dass das Gebot, du sollst deine Feinde lieben, im Krieg keinen Wert hat. Und dann beginnt man zu verstehen, wie die Kirchen im Ersten und Zweiten Weltkrieg mitgelaufen sind und wie plötzlich Gebote Jesus benutzt werden, um auch gläubige Soldaten in den Krieg führen zu können. Wahrscheinlich genauso, wie auch der Koran falsch gelesen und gedeutet wird, um junge Menschen als Attentäter zu benutzen.

Auf sehr alten Tondokumenten ist zu hören, dass Karl Kraus seine eigenen Texte aus dieser Tragödie immer mit einem unglaublichen Pathos vorgetragen.

Bennent Ich kenne diese Aufnahmen nicht. Aber ich weiß natürlich, dass es damals eine ganz andere Zeit war, Texte zu lesen oder auch Theater zu spielen. Manches ist davon für uns heute fast unerträglich. Die Zeiten haben sich grundlegend geändert. Vielleicht hat Karl Kraus seinen Text deshalb so gelesen, um einen Effekt der Verfremdung erzielen zu können.

Können Sie beschreiben, welchen Ton Sie für Kraus gefunden haben?

Bennent Zunächst einmal versuche ich, dem Text treu zu bleiben und die Gedanken von Karl Kraus meinen Zuhörern zu vermitteln. Weil ich unter anderem das Wienerische nicht beherrsche, will ich die Texte so ernsthaft wie nur eben möglich vortragen und mich als Vorleser auf keinen Fall in den Vordergrund spielen.

Am Ende der Tragödie kommt sogar Gott zu Wort mit dem Bekenntnis, das habe er nicht gewollt. Werden damit die Menschen freigesprochen von Schuld?

Bennent Nein. Wenn es Gott nicht gewollt hat, müssen es die Menschen gewollt haben. Gott will nicht, dass sich die Menschen für irgendeine Ideologie zerfleischen. Kein Gott will, dass Menschen einander töten. Das ist eine menschliche Post. Leider lernt der Mensch selbst nach zwei Weltkriegen daraus nicht. Der letzte Satz bei Kraus bedeutet für mich: Kein Gott will Gräueltaten; der Mensch entscheidet sich dazu.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Kraus-Drama und dem Grass-Roman "Die Blechtrommel", in deren Verfilmung Sie ja die Hauptrolle als Blechtrommler Oskar gespielt haben?

Bennent Ich habe daran nicht gedacht. Diese Parallele stellt sich für mich nicht her, weil in dem Grass-Roman alle Gedanken ja durch den Jungen hindurchgehen.

(RP)
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