Interview : Werkstatt für eine neue Gesellschaft

Die Dramaturgin des Ensembles Marta Gornicka über ihr Stück „Hymne an die Liebe“, das beim Asphalt-Festival Premiere hat.

Am Donnerstag beginnt das Asphaltfestival. Diesmal hat das Sommerfest der Künste zahlreiche internationale Gruppen eingeladen, darunter ein großes Ensemble aus Polen: Marta Gornicka lässt in ihren Arbeiten Chöre nach antikem Vorbild auftreten und hat für ihr aktuelles Stück „Hymne an die Liebe“ ein monströses „Völkisches Liederbuch“ komponiert. Der Chor singt, schreit, flüstert einen Text, der aus Internet-Kommentaren, Politikerzitaten, Aussagen von Fundamentalisten, Terroristen, Pop-Songs und patriotischen Liedern zusammengesetzt ist. Am 20. Juli ist die „Hymne“ auf der großen Bühne im Central zu erleben. Agata Adamiecka ist die Dramaturgin des Ensembles.

In antiken Werken drückt der Chor oft aus, was die Figuren nicht zu sagen wagen. Was drückt der Chor bei Ihnen aus?

Adamiecka In unserem Theater spricht allein der Chor. Er ist als Kollektiv die Hauptfigur. Spannung bauen wir auf, indem wir unterschiedliche Diskurse und Sprachen aus der Wirklichkeit aufgreifen und aufeinandertreffen lassen. Reibung entsteht auf diversen Ebenen: aus der musikalischen Struktur, aus den Facetten der menschlichen Stimme, aus den Ideologien. Im chorischen Theater transportiert die Form die Bedeutung. Wenn unser Kollektiv die Bühne betritt mit 25 Performern, die alle unterschiedliche Individuen sind, aber zu einem Stimmkörper werden, wird die ganze Ambivalenz von Gruppen deutlich. Einerseits erinnert der Chor an ursprüngliche Rituale des Miteinanders, auf der anderen Seite zeigt er die Schrecken von Gemeinschaften, die sich durch den Ausschluss anderer bilden und jede Art von Gewalt rechtfertigen. Wir brauchen heute Rituale von Gemeinschaft, die mit der Praxis intensiven kritischen Denkens verbunden sind. Für uns ist der Chor eine Werkstatt für eine neue Gesellschaft. Wir suchen nach einer neuen Sprache und neuem künstlerischen Ausdruck für dieses Gesellschaft.

An wen richtet sich Ihr Chor?

Adamiecka Unser Chor ist ein sinnliches Ereignis, das die Körper der Zuschauer anspricht. Zugleich ist unser Theater radikal politisch, weil wir die Spannungen offenlegen, aus denen sich populistische Strömungen nähren. In „Hymne an die Liebe“ zeigen wir, wie gefährlich Sprache sein kann, wenn sie die Reinheit und den Zusammenhalt von Gemeinschaften feiert und die Erneuerung der christlichen Zivilisation verspricht. Der Chor zeigt auch sein monströses Gesicht, wenn er ausdrückt, was für eine Gesellschaft unerträglich ist. So blicken wir etwa zurück auf die historische Erfahrung des Holocaust, und die wahre Haltung der polnischen Gesellschaft dazu. Von dort gibt es Linien auch zur Haltung gegenüber Flüchtlingen heute. Wir untersuchen, welche Rolle religiöse Sprache spielt oder die Sprache der Nationalisten oder Neofaschisten in Polen und in ganz Europa.

Warum sind Populisten in Europa wieder so stark geworden?

Adamiecka Walter Benjamin hat in den 1930er Jahren geschrieben, dass jede Welle von Faschismus Ausdruck einer erfolglosen Revolution ist. Ich glaube, dass das trotz aller Unterschiede auch heute stimmt. Die Forderungen, die in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts aufgestellt wurden, etwa Ausbeutung, Gewalt, Ungleichheit zu beenden, sind nicht erfüllt worden. Im dritten Jahrzehnt schlug das zurück in Form des Nationalsozialismus – und Faschismus. Im Zuge der 1968er Bewegung kamen neue Forderungen nach einer Neuverteilung von Eigentum und einer offenen, integrativen Gesellschaft auf. Auch diese Bewegungen wurden gebrochen und die Idee eines fürsorglichen, offenen und solidarischen Staates wurde durch die neoliberale Agenda ersetzt. Dann kam die Finanzkrise 2008, der Reichtum wurde extrem ungerecht verteilt. Der Populismus nutzt den Frust, der aus der Umkehr des Emanzipationsprozesses entsteht. Die Populisten haben einfache Antworten für die, die bei der unfairen Verteilung gedemütigt wurden.

Hat die polnische Politik auf Ihre Inszenierung reagiert?

Adamiecka Wir erleben in Polen eine zunehmende Einschränkung der künstlerischen Freiheit durch wirtschaftliche Zensur. So werden Festivals bereits genehmigte öffentliche Gelder gestrichen, wenn dort „die falsche Art Künstler“ auftritt. Leider sind wir als Chor auch von solchen Repressionen betroffen. Inoffiziell ist bekannt, dass es schwarze Listen gibt von Künstlern, die öffentlichen Stellen nicht genehm sind, weil sie nicht die „wahren nationalen Werte“ vertreten. Das ist Ausdruck einer populistischen Kulturpolitik, die darauf zielt, eine solide nationale Identität auszubilden gegen Fremde und vermeintlich feindliche Kräfte, die Polen bedrohen. Dahinter steht die Vorstellung von einer Nation edler Helden, die unschuldig Opfer östlicher und westlicher totalitärer Systeme wurde. Diese Vorstellung soll von der Kunst geschützt und gestärkt werden. Das ist außerordentlich gefährlich. Auch davon handelt „Hymne an die Liebe“. Diese Aufführung ist, wie alle Chor-Projekte von Marta Gornicka, auf Kollisionskurs mit einer solchen Kulturpolitik und einer solchen Vision der nationalen Gemeinschaft. Zum Glück ist das Kultur-Fördersystem in Polen aber nicht zentral organisiert. Die meisten Institutionen werden auf lokaler Ebene finanziert und diese Behörden sind bisher liberal geblieben. Die lokalen Strukturen bewahren die Demokratie, doch zeigt das auch, welche Spannungen es innerhalb der polnischen Gesellschaft gibt. Das sind destruktive Kräfte, deren Umkehr sehr schwierig sein wird, selbst wenn die Rechte die politische Macht verliert.

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