Düsseldorf: Anarchie für die Generation Merkel

Düsseldorf: Anarchie für die Generation Merkel

Das ist politischer HipHop aus Deutschland: Die Düsseldorfer Antilopen Gang feiert im Stahlwerk ein eigenwilliges "Fest der Liebe".

Noch hat es gar nicht richtig angefangen, aber der Mann in Schwarz zieht sich bereits aus. Auf seiner Stirn klebt der Schweiß von höchstens einer halben Stunde, die Augen hat er - besser ist das - geschlossen, als er sein T-Shirt wegwirft. Darunter: ein Bärenbauch, ein paar Brusthaare und unfassbare Energie. Der Mann tanzt, springt und schubst sich durch diesen unheiligen Abend, als bereite er sich auf einen existenziellen Kampf vor.

Wahrscheinlich ist es auch genau dies: ein Kampf zwischen Gut und Böse. Nun, eigentlich ist es bloß das Heimkonzert der Düsseldorfer Rapper, die sich Antilopen Gang nennen. "Fest der Liebe" ist das Motto, weil ja Weihnachten ist und an Weihnachten die Liebe regiert. Aber in Wahrheit vergewissern sich hier Zuschauer und Musiker im "Stahlwerk" ein letztes Mal im Jahr, dass sie auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Und diese Seite liegt hier eindeutig links.

Die Antilopen Gang ist im Deutsch-Rap der Aufsteiger des Jahres. Drei Jungs aus Düsseldorf und Aachen, die mit ihrer dritten Platte "Anarchie und Alltag" sechs Wochen lang auf Platz eins der Albumcharts verweilten. Endlich ist deutscher HipHop wieder politisch, jubelte das Feuilleton des "Spiegel". Die Ansprüche sind dort nach Jahren der Entwöhnung offenbar gesunken.

Als der Mann in Schwarz sein T-Shirt wegpfeffert, spielt die Vorband, eine Punkgruppe aus Köln. Sie macht doofe Köln-Düsseldorf-Witze, die kein Mensch mehr hören kann. Man weiß heute natürlich nie so ganz genau, was ironisch gebrochen ist, und was nicht. Aber Panik Panzer von den Antilopen wird sein Publikum später anschreien: "Was seid ihr für Scheiß-Lokalpatrioten, dass euch das wichtig ist?" Jubel. Das ist wohl die richtige Seite.

Im Grunde ist all das ja auch absolut verständlich und menschlich. Das ganze Leben sucht der Mensch nach Orientierung, und wenn Rapper, die ihren eigenen Erfolg gar nicht recht glauben wollen, dabei helfen, dann ist das völlig okay. Aber es ist auch ein wenig einfach. Dass sich im Publikum niemand findet, der sich als Nazi outet, darf nicht überraschen. Es ist schließlich der einfachste Weg, eine Gruppe zu bilden. Hinter dem Slogan "Gegen Nazis" kann sich fast jeder vereinen. Jedenfalls jeder, der zur Antilopen Gang geht. Natürlich ist das gut so.

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Statt "Zugabe" ruft das Publikum hier "Antifascista". Es gibt freilich deutlich dümmeres Zeug, das Menschenmassen rufen könnten. Aber wenn man sich daran zurückerinnert, dass man auf einem HipHop-Konzert ist, dann darf man doch verblüfft sein. Die Antilopen Gang spricht nämlich ein interessantes Mischpublikum an. Da sind die Punks, da sind die Rapper und da sind auch noch, nun ja, die Nur-Politischen. Melodisch verschwimmen bei der Antilopen Gang Punkrock und HipHop, ein bisschen wirkt es, als konnte sich die Gruppe nicht entscheiden. Das Schlagzeug übertönt manch kluge Textzeile.

Aber vielleicht sind es ja gerade diese Denkmuster, die die drei Rapper überwinden wollen. Sie sprechen schließlich von Anarchie, von Atombomben auf Deutschland, von der Abschaffung des "Schweinestaats". Es sind stramm linksradikale Thesen, die die Musiker besingen, und vor Linksradikalen hat das Establishment seit dem G-20-Gipfel in Hamburg ja ein bisschen Angst. Aber die muss es nicht haben, nicht vor der Antilopen Gang. Die hofft schließlich darauf, dass die Pizza den Weltfrieden liefert.

Hilfe haben sich die Rapper bei einem anderen Aufsteiger der Szene geholt, bei Fatoni. Der hat mit seinem Album "Yo, Picasso" überrascht und liefert sogar als Weihnachtsmann auf der Bühne eine gute Figur ab. Sein Motto für die Feiertage ist auch eines seiner besten Lieder: "Kann nicht reden, ich esse".

Man darf das alles nicht falsch verstehen. Das ist ein gutes Konzert, die Leute sind glücklich, sie tanzen, singen, trinken. Aber gerade weil all das so stark ins Politische abdriftet, muss man vorsichtig sein. Aufpassen, nachdenken, mitdenken. Die richtige Seite wird nicht von Musikern festgelegt, die richtige Seite, ja, hier spricht ein Demokrat, wird von allen gemeinsam festgelegt.

Und so bleibt der Eindruck eines Abends, an dem eine Musikgruppe so viel Anarchie liefert, wie es die Generation Merkel gerade noch verträgt. Mit Tiefkühlpizzen und fetzigen Worten, mit radikalen Parolen und Liebesliedern. Das ist sympathisch, ganz nett, nur eines ist es nicht: Anarchie. Die herrscht hier höchstens auf der Tanzfläche.

(her)