Düsseldorf : Alles brennt

Im Central feiert unter der Regie von Matthias Hartmann ein beängstigend berührender "Michael Kohlhaas" Premiere.

Am Ende wird es zappenduster. Stockfinster für wenige Sekunde. Aber nicht, weil Regisseur Matthias Hartmann fürs Finale auf dem Blutgerüst nichts mehr eingefallen wäre. Wenn das Beil auf Michael Kohlhaas hinabfällt, ist alles aus: Die große Kleist-Geschichte über Recht und Selbstgerechtigkeit ist auserzählt und ausgespielt mit seinem Lebensende. Dass aber auch uns schwarz vor Augen wird, lässt nur die unbehagliche Annahme zu: Wir alle sind Michael Kohlhaas. Nicht erst, als uns wie ihm alle Wahrnehmung genommen wird; aber in diesem Moment besonders eindringlich.

Das Schauspielhaus hat mit seiner jüngsten Premiere eine wahre Starbesetzung aufgeboten: mit dem einstigen Wiener Burg-Chef Matthias Hartmann als Regisseur, mit einem der wichtigsten Bühnenbildner hierzulande, Johannes Schütz, schließlich mit dem, der die sprachmächtige Textvorlage beisteuerte - Heinrich von Kleist (1777-1811). Dieses Dreigestirn bleibt hinter den hohen Erwartungen nicht zurück.

Die vielschichtige Kleist-Geschichte ist - wie meist bei großer Dichtung - zunächst schnell erzählt: von Michael Kohlhaas, einem Rosshändler aus dem Brandenburgischen, der beim Übertritt nach Sachsen einen Passierschein vorweisen muss, den er nicht hat. Also bleiben zwei Pferde als Pfand zurück. Diese aber werden ihm auf der Rückreise in einem erbärmlichen Zustand übergeben. Er hat stolze Rappen abgegeben und Mähren zurückbekommen. Jetzt will Kohlhaas nur noch eins: Gerechtigkeit und ein Zeichen gegen solche Willkür des Junkers Wenzel von Tronka.

Eingaben werden gemacht - dabei kommt Kohlhaasens geliebte Frau Lisbeth unglücklich ums Leben -, aber nicht erhört. Jetzt betreibt der Ehrbare das "Geschäft der Rache": Mit Knechten brennt er Tronkas Schloss nieder, zündet Wittenberg und Teile Leipzigs an. Aus dem Gerechten wird ein Richter in eigener Sache, ein Selbstgerechter. Mit Hilfe Martin Luthers wird ein gerechter Prozess versprochen, bei dem der Junker zu zwei Jahren Haft und zur Pflege der beiden Pferde, Kohlhaas aber wegen Landfriedensbruchs zum Tode verurteilt wird. Hat da die Gerechtigkeit gesiegt? Die Vernunft sogar?

In Kohlhaas ist immer viel gesehen worden. Ein Sinnbild für die Eskalation von Gewalt. Und auch die Geburtsstunde eines Terroristen. Solchen Engführungen aber verfällt Hartmann nicht. Auch weil er Kleist glaubt und seiner Sprache. Dessen Wunderprosa wird also nicht in Dialoge zerlegt, sondern in einem Gemisch aus Rezitation und indirekter Rede zum Funkeln gebracht. Allein da zeigt sich, dass dieser Kohlhaas viel mehr in Frage stellt als etwa Schirachs "Terror"-Erfolgsstück.

Denn Recht und Unrecht, Rechtfertigung und Selbstgerechtigkeit werden als das Oberflächenthema gehandelt. Darunter geht es um etwas, was man Unausweichlichkeit nennen kann, auch Schicksal und vielleicht sogar Vorsehung. Wie existenziell bedrückend wird dann das Leben des Rosshändlers, wenn es tatsächlich nur so ablaufen konnte, wie es dann tragisch abläuft. Wenn sich also die Frage nach dem erlösenden "Was wäre wenn" überhaupt nicht stellt?

Genau so wird Kohlhaas von Christian Erdmann gespielt. Sehr offen, sehr unmittelbar, sehr getrieben. Erdmanns Kohlhaas ist ein Spielball von irgendwem. Und er lässt mit sich spielen, ruft in größter Not auch nicht den Allerhöchsten an, sondern bittet dessen Exegeten um Hilfe - Martin Luther. Diese bedrängende Lebensungewissheit ist es, die uns mit Kohlhaas verbindet und der für uns die Extreme erkundet - als "einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen". Anfangsworte aus dem Beginn der Erzählung, die Erdmann vor der Rampe spricht und die später Luther wiederholen wird. Mit der Schicksalsfrage beginnt es, mit der Schicksalsfrage endet es. So verzichtet Hartmann nicht auf jene skurril wirkende Episode am Ende: Eine Zigeunerin steckt Kohlhaas ein Zettelchen zu, auf dem das Schicksal des sächsischen Kurfürsten niedergeschrieben steht. Der Herrscher setzt viel daran, in Besitz des ominösen Papiers zu kommen. Doch kurz vor der Hinrichtung verschluckt Kohlhaas die Weissagung. Darin gründet sich sein Triumph und seine Macht. Die Chance, einmal Zukunftsgewissheit zu erlangen, endet unterm Beil. Nach unglaublichen drei Stunden, in denen Johannes Schütz mit vielen dutzend quadratischen Holztischen Brandschatzungen, Gerichtssäle und Gefängnisse vom spielenthusiastischen Ensemble entstehen lässt. Erinnerungen an sein "Macbeth"-Bühnenbild der legendären Düsseldorfer Gosch-Inszenierung werden wach. Auch dort wurde viel auf Tischen gespielt, die - blutverschmiert - zwar glitschiger waren; aber ebenso sinnfällig. Zwölf Jahre danach jetzt dieser Kohlhaas.

Alles brennt.

Und das Düsseldorfer Publikum ist wieder aus dem Häuschen.

(los)
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