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Alex Wissel in der Düsseldorfer Sammlung Philara: Schwarz, rot, gold und Würstchen

Alex Wissel in der Sammlung Philara : Schwarz-Rot-Gold und deutsche Wurst

Die Sammlung Philara widmet Alex Wissel eine Ausstellung. Der Künstler beschäftigt sich mit dem deutschen Nationalismus.

Bis zur Zerstörung des Neuen Rathauses im Zweiten Weltkrieg schmückten den Düsseldorfer Ratssaal monumentale Wandgemälde. Eines davon zeigte eine Szene vom Kaiserfest 1877 im Malkasten, gemalt von Fritz Neuhaus. Im Vordergrund steht aufrecht Kaiser Wilhelm I., dahinter sitzen Zuschauer auf einer Tribüne. Am Bühnenrad thront die Germania, umringt von Lautenspielerinnen. Hinter dem personifizierten Nationalbild ist Gebhard Leberecht von Blücher zu sehen, der mit seinen Truppen 1814 den Rhein bei Kaub überquert.

So oder so ähnlich wird es beim Kaiserfest ausgesehen haben. Schließlich war im Kaiserreich ein neuer Nationalstolz ausgebrochen, der auch die Künstler des Malkastens zu überdimensionierten, deutschtümelnden Nachstellungen wichtiger historischer Ereignisse in lebenden Bildern inspirierte. So feierte der Kaiser mit der Künstlerschaft auf dem zweitägigen Happening die Geburt der deutschen Nation. Zum Abschluss schipperte die Festgesellschaft den Rhein hinab, um oberhalb von Rüdesheim den Grundstein für das monumentale Niederwalddenkmal zu legen.

Mit diesen wilhelminischen Nationaldenkmälern und den Künstlerfesten des 19. Jahrhunderts beschäftigt sich Alex Wissel in seiner Ausstellung „Thymostraining“ in der Sammlung Philara. Das Wandbild aus dem Ratssaal dient als Startpunkt. Auf deutscher Rauhfasertapete, die in derselben Zeit wie die kaiserliche Nation erfunden wurde, hat der Düsseldorfer Künstler die Szene nachgemalt. Umrahmt wird sie von Nationalsymbolen wie der deutschen Eiche, einem schwarz-rot-goldenen Hut und Wurstrollen. Auf weiteren Bildern und Installationen finden sich zahlreiche deutsche Symbole. Die, und darauf macht Wissel ironisch aufmerksam, allesamt Erfindungen sind.

Denn der auf Beamtentum und Militär gebauten Staatsmacht des Kaisers fehlte es an Pathos und Mythos. So lag es an Künstlern und Köchen, ebenjene nationale Narration zu erfinden. In Kochbüchern wurden Kartoffelsalat und Eisbein als Nationalgericht festgelegt, der Historismus erfand neue nationale Mythen, und Künstler und Architekten gestalteten monumentale Denkmäler.

Wie das Barbarossadenkmal, das Wissel zusammen mit dem Autor Timo Feldhaus besuchte. Im Begleitheft schildern die beiden ihre Eindrücke der Reise in das Herz des wiedererstarkten deutschen Nationalismus. Denn dort trifft sich bei Thüringer Bratwurst und Anti-Merkel-Slogans einmal im Jahr der sogenannte Flügel der AfD um Björn Höcke zum Kyffhäusertreffen. Um, das zeigt Wissel ohne erhobenen Zeigefinger, einem von Künstlern auf Saufgelagen erfundenen und zum Teil auf abstrusen Ideen fußenden Nationalmythos nachzueifern. So wird die Schau „Thymostrainig“ zu einem hochpolitischen Akt.

Und sie zeigt darüber hinaus, wie vielseitig der Künstler Alex Wissel ist. Seine Partyreihe „Single Club“ (2011/2012) in einer albanischen Glücksspielbar am Worringer Platz hat in Düsseldorfer Party- und Künstlerkreisen legendären Status. Waren diese orgiastischen 24-Stunden-Parties doch bis heute die letzten echten Künstlerfeste der Stadt. Tatort-Regisseur Jan Bonny drehte darüber eine Mockumentary, einen fiktionalen Dokufilm. Nach diesem Erfolg ließ sich Wissel, ein Schüler von Rosemarie Trockel, nicht auf den wilden Party-Künstler festlegen. Mit Regisseur Bonny schuf er für die Berliner Volksbühne die Web-Serie „Rheingold“ über den gefallenen Kunstberater Helge Achenbach.

Nach einigen Jahren der Diaspora ist Wissel nun zurück in Düsseldorf – mit einer vielschichtigen Einzelausstellung über die Erfindung des deutschen Nationalismus, der zu zwei Weltkriegen führte. So liegt gleich im ersten Raum eine grimmig dreinblickende Barbarossa-Büste auf dem Rücken, daneben Lebensmittelattrappen von typisch deutschen Gerichten. Der Sage nach soll der Kaiser irgendwann erwachen, um das Reich zu retten und es wieder zu neuer Herrlichkeit zu führen. Der gestürzte Rotbart, aus Styropor nachgebaut, schaut grimmig und zornig in die Ferne. Auferstehen wird er aus dieser Lage aber sicher nicht mehr.