Düsseldorf: Akustische Gegenwartskunde

Düsseldorf : Akustische Gegenwartskunde

Der lesenswerte Sammelband "Resonanzräume" versucht, die Gegenwart über Sounds und Klänge zu erschließen.

Vielleicht kann man dieses Buch am besten so beschreiben: Elf Autoren erzählen die Gegenwart, indem sie sie belauschen und genau darauf achten, wie sie klingt. Im Grunde hören sie also dem Leben zu. "Resonanzräume" heißt der von Dirk Matejovski herausgegebene Band, und die darin versammelten Aufsätze versuchen die Frage zu beantworten, wie das Akustische unsere Kultur prägt und unseren Alltag bestimmt.

Das Buch ist hervorgegangen aus dem Institut für Medien- und Kulturwissenschaften an der Heinrich-Heine-Uni. Ein Forschungsschwerpunkt dort sind die Acoustic Studies, auch Sound Studies genannt. Der Ansatz ist interdisziplinär, die Grenzen zum mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich und der künstlerischen Ästhetik werden notwendigerweise überschritten. Grundlegend für diesen Arbeitsbereich ist die Annahme, dass die Wechselbeziehung zwischen Stimme, Geräusch, Musik und den Möglichkeiten akustischer Speicherung ebenso bedeutsam ist für unsere Welt wie das Schriftliche.

Gleich der erste Aufsatz im Band "Resonanzräume" führt exemplarisch vor, was Sound Studies an Erkenntnissen liefern können. Dirk Matejovski ist nach Ibiza gereist, um den historischen und systematischen Zusammenhang von Sound, Körperpraktiken und Clubtopographie auf der Partyinsel zu untersuchen. Der Text ist praktizierte Gegenwartskunde, alles ist dem Autor wichtig, die Flyer, die für die Party in den Discos werben, ebenso wie die für den Laien nur in Nuancen voneinander abweichenden Musikstile in Diskos wie "Pacha", "Zoo" oder "Amnesia" sowie die Art, wie das Publikum darauf reagiert.

Matejovski beschreibt die Baleareninsel als "sonifizierten Raum" und identifiziert den berühmten Sound von Ibiza als Teil eines Medienverbundes, eines medialen und kommunikativen Gesamtkunstwerks. Matejovski wählt ein eindrucksvolles Bild: Das System Ibiza funktioniere nämlich im Grunde wie die Fußball-Bundesliga, wobei die Clubs mit den Vereinen vergleichbar sind und die DJs mit den Spielern.

In den anderen Beiträgen beschäftigen sich etwa Kathrin Dreckmann mit akustischer Überwachung, Jan Ossowicz mit dem Rauschen als Stilmittel der Popmusik und Diedrich Diederichsen mit der Geschichte von Sounds in Ausstellungen.

Wie vielfältig die Einsatzmöglichkeiten der Acoustic Studies sind, zeigt sich etwa bei der Beschäftigung mit Tondokumenten aus der ehemaligen DDR. Das Abhören wurde dort als Machttechnik des Überwachens angewendet. Der Resonanzraum, der bei dieser Forschung im Mittelpunkt steht, wurde zum Verhörraum, die Stimme der befragenden Stasi-Offiziere zum Folterinstrument, das je nach Situation "scharf gestellt" werden konnte.

Das von der Anton-Betz-Stiftung der Rheinischen Post geförderte Buch eröffnet eine Reihe von Publikationen aus diesem Forschungsbereich, und als nächste Veröffentlichung steht im Oktober ein Sammelband über die Düsseldorfer Band Kraftwerk an, über die das Institut für Medien- und Kulturwissenschaft 2013 ein Symposium veranstaltete - als Ouvertüre gewissermaßen zu der Reihe von Kraftwerk-Konzerten in der Kunstsammlung.

(RP)