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70 junge Positionen aus der Kunstakademie im K 21: „Coming To Voice“.

Digitale Ausstellung : Requiem auf eine schlimme Zeit

Sie haben den Meisterbrief in der Tasche und stellen zum ersten Mal im Museum aus: 70 junge Positionen aus der Kunstakademie im K21 zum Thema „Coming To Voice“.

Es sind Gemälde, Kollagen, Zeichnungen, Bilder und Sounds, Serien, Filme, Keramiken, Skulpturen, Videos, Installationen – alles dabei, was Kunst ausmacht. Und alles ganz aktuell. In 70 Beiträgen lässt sich im K21 (Ständehaus) erfahren, wie die Welt gerade tickt. Wie man sich fühlt, was man liebt oder fürchtet, wenn man um die 30 Jahre alt ist, ein Semester mindestens schon Corona und die damit verbundenen Schutzverordnungen überstanden hat. Erfahren, wie die Welt tickt, wenn das Leben einsam oder notständig geworden ist.

Die Ausstellung im K21, in der sich junge Frauen und Männer versammeln, die Ende 2020 ihr Studium an der ehrwürdigen Düsseldorfer Akademie beendet haben, klingt in ihrem Sound und ihrem medialen Reichtum wie ein Requiem auf eine schlimme Zeit. Sirenen heulen durchs Untergeschoss des Ständehauses, ja, bedrohlich fühlt sich das Ende des zweiten 20er-Jahrzehnts an. Ohne Zweifel. Solche Signale hat Lukas Heerich verbaut, 20 Hörner an der Zahl, elegant in eine düstere Skulptur gepackt: „tba.“ nennt er sie, was „to be announced“ (was bekanntzugeben ist) bedeutet. Leitmotivisch dröhnt das Signal für Gefahr durch die Räume, wo es auf weitere Sounds trifft.

Ein Schwerpunkt des Jahrgangs 2020: Sounds. Nicht zufällig heißt die Ausstellung „Coming to voice“, es geht für jeden Künstler darum, die Stimme zu erheben und auszudrücken, was gehört oder auch erhört werden soll. Luki von der Gracht hat ihre mehrteilige Arbeit so betitelt, Genderfragen behandelt sie in einem wilden Potpourri mit aufgesagten Texten, Bildern und bedruckten Plexiglaswürfeln.

Auch Rebekka Benzenberg sendet Töne aus zwölf Druckkammerlautsprechern, die sie gegenüber einem Pelzmantel platziert. Ein bisschen Beuys im schwarzen Raum, die Künstlerin will sagen: „Actually, I’m not like That“ – die Worte hat sie auf den Pelz gesprüht.

Wo steht die Generation, die ab jetzt auf sich gestellt sein wird, ihren Stil verfeinert, sich vom Professor löst, Galerien sucht und glücklich sein darf, wenn Museen Ausstellungseinladungen verschicken? Zum ersten Mal sind die meisten Ex-Studierenden in einem musealen Umfeld zu sehen, das zwei Kuratorinnen thematisch geschickt in fünf Felder aufgeteilt haben.

Akademierektor Karl-Heinz Petzinka und die Direktorin der Kunstsammlung, Susanne Gaensheimer, finden diesen Startschuss ins Profileben förderungswürdig und wichtig. Anders als beim beliebten Jahresrundgang der Akademie darf der Betrachter nun Profikriterien anlegen und wird sich bei der zum dritten Mal stattfindenden Ausstellung mit Absolventinnen und Absolvent­en die Augen reiben über die hohe Qualität der Arbeiten und die ansprechende Präsentation.

Die Architekturübernahme der soeben beendeten Hito-Steyerl-Ausstellung war nicht nur kostenmindernd, sondern hilfreich. Neben den schwarzen Kabinetten, in denen auch sehenswerte Filme laufen, und der Schnittstelle zum Apsis-Raum, wo das Duo Rütten/Stolzer in einer schreienden Videoinstallation die prekären Amazon-Arbeitsbedingungen anprangert, gibt es freie Räume und weiße Wände.

Eine ganze Gemäldegalerie berichtet von der Liebe zur Malerei. Das klassische Porträt weist auf das Eigene, auf Identität und Traum. Jürgen Hohl etwa malt einen schönen, jungen, nachdenklichen Mann im Moment des In-sich-Gehens. Man wüsste zu gerne, was er will. Klara Virnich schmiedet aus einem Frauenporträt eine Sechserriege der Eitelkeiten. An anderer Stelle sind es leere rote Theatersessel von David-Ben Ben-Benyamin, die aktuell mit Entbehrung aufgeladen sind.

Manche Malerei wurde in Videos transformiert (Johannes Freitag), oder aus Handyfotos in Öl nachgebaut wie bei Björn Knapp. Besonders schräg sind die animierten Malereien von Kathi Schulz: Flimmernde Bildschirme setzen ständig neue Bilder zusammen, die sich dank künstlicher Intelligenz (KI) aus den echten gemalten Bildern der Künstlerin speisen und sich an deren Daten des persönlichen Social-Media-Konsums orientieren. Man kommt nicht dran vorbei: KI dringt beängstigend stark in den künstlerischen Prozess ein.

Aufmerksam sollte man beim Eintritt ins Museum einmal hochschauen: Ein Typ steht im Freien auf dem Balkon, die Gummipuppe von Yael Kempf sendet mit Einbruch der Dämmerung sowas wie Morsezeichen: „Hallo, ich bin hier“ – soll es heißen. Verzweiflung vielleicht.

Hagen Keller (auch aus Gregor Schneiders Klasse) hat ganz einfach und plakativ seine Handynummer zur sozialen Skulptur erklärt, und wieder hätte Joseph Beuys seine Freude an den jungen Kunstakademikern. Immer mehr vermag sich der anspruchsvolle Parcours zu weiten, je mehr Zeit man aufbringt, desto mehr Vielfalt erlebt man. Die klassischen Felder sind bestückt, halb hohle, sehnsüchtig greifende Arme von Josephine Garbe, in Keramik gebrannt, wie keramische Band-T-Shirts von Rike Droescher.

Milde gibt es auch: Einen Zauberort mit drei Stockwerken auf transparenten, raumhohen Tüchern hat Sophia Hose hergestellt – in Gedenken an ihre Großmutter. Dem dazu denkbar bösesten Gegenort stehen wir bei Sebastian Bathe gegenüber: Ein riesiges, tonnenschweres Ölbild, monochrom, gar nicht lieb. Die Farbe – Dunkelbraun – ist mit Waldboden getränkt, auf Eichenholz aufgetragen. So nimmt der erbitterte Kampf um den Hambacher Forst still und eindringlich Einzug in die Kunst. Auch das ein Zeitzeichen, meisterhaft künstlerisch verwandelt. Die Schau steht dafür, wie die Welt gerade tickt.